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Warum ein neuer Traktor nicht immer besser ist als ein alter.

Warum ein neuer Traktor nicht immer besser ist als ein alter.

Der Besuch des Chirurgenkongresses in München mit den modern gestalteten Industrie- und Golfständen sowie den anregenden Verkaufsgesprächen über berauschende Produkte, die man unbedingt benötigt, um gute Chirurgie zu betreiben, erinnerte mich sehr lebhaft an das Problem eines Patienten, den ich schon über Jahre betreue. Er ist ein junger dynamischer und erfolgreicher Landwirt im thüringischen Um­land mit einer großen Ackerfläche, die schon seit Generationen von seiner Familie bewirtschaftet wird. Nach einer ausführlichen ärztlichen Beratung und erfolgreichen operativen Behandlung war der Patient so beeindruckt, daß er mich bei einem privaten geschäftlichen Problem ins Vertrauen zog und um Rat fragte, – denn als Professor und gesegnet mit akademischen Titeln könnte ich ihm doch sicher weiterhelfen, so vermutete er.

Dann schilderte der Landwirt ein Problem, das in leicht abgewandelter Form zum klinischen Alltag gehört, so daß ich ihm interessiert zuhörte. Seine problematische Situation entwickelte sich aus einem zunehmend „alternden“ Traktor und Pflugsystem, mit dem bereits sein Vater das Land bestellt hatte. Aufgrund seiner guten ökonomischen Lage dachte der Landwirt über den Kauf eines neuen Traktors nach, denn er befürchtete baldige teure Reparaturen des alten und seine Nachbarn protzten bereits mit neuen, größeren Traktoren. – Ich hegte ein bißchen den Verdacht, daß ihn der PS-stärkere Traktor des Nachbarn am meisten provozierte. – Nachdem er damals seine Kauflust signalisiert hatte, besuchte ihn ein eloquenter Verkaufsberater mit Hochglanzbroschüren und empfahl einen Hochleistungstraktor mit einem neuartigen Pflugsystem, der die Arbeitszeit um 25 Prozent verkürzen und die Ernte um 15 Prozent erhöhen soll. Nun fragte mich der Landwirt, ob man den Ausführungen des Fachverkäufers vertrauen und den neuen Traktor kaufen sollte. Natürlich äußerte ich meine Skepsis und riet ihm, sich darüber zu informieren, woher man denn so genau wüßte, daß sich die Arbeitszeit verringert und die Ernte erhöht. Vielleicht wäre auch eine Probestellung für ein Jahr möglich, um die Funktionalität vor Ort eingehend zu prüfen. Ein Jahr später besuchte mich der Patient im Rahmen einer Kontrolluntersuchung. Auf meine Frage, wie er sein Problem gelöst habe, teilte er mir erfreut mit, dass er meinem Rat gefolgt sei. Er hatte sich zwei wissenschaftliche (randomisierte) Studien vorlegen lassen, die eindeutig belegten, dass die genannten Effekte (Arbeitsverkürzung und Erntesteigerung) sicher eintreten werden. Überzeugt durch die Studien hatte er sich den neuen Traktor angeschafft.

Dann schilderte der Landwirt ein Problem, das in leicht abgewandelter Form zum klinischen Alltag gehört, so daß ich ihm interessiert zuhörte. Seine problematische Situation entwickelte sich aus einem zunehmend „alternden“ Traktor und Pflugsystem, mit dem bereits sein Vater das Land bestellt hatte. Aufgrund seiner guten ökonomischen Lage dachte der Landwirt über den Kauf eines neuen Traktors nach, denn er befürchtete baldige teure Reparaturen des alten und seine Nachbarn protzten bereits mit neuen, größeren Traktoren. – Ich hegte ein bißchen den Verdacht, daß ihn der PS-stärkere Traktor des Nachbarn am meisten provozierte. – Nachdem er damals seine Kauflust signalisiert hatte, besuchte ihn ein eloquenter Verkaufsberater mit Hochglanzbroschüren und empfahl einen Hochleistungstraktor mit einem neuartigen Pflugsystem, der die Arbeitszeit um 25 Prozent verkürzen und die Ernte um 15 Prozent erhöhen soll. Nun fragte mich der Landwirt, ob man den Ausführungen des Fachverkäufers vertrauen und den neuen Traktor kaufen sollte. Natürlich äußerte ich meine Skepsis und riet ihm, sich darüber zu informieren, woher man denn so genau wüßte, daß sich die Arbeitszeit verringert und die Ernte erhöht. Vielleicht wäre auch eine Probestellung für ein Jahr möglich, um die Funktionalität vor Ort eingehend zu prüfen. Ein Jahr später besuchte mich der Patient im Rahmen einer Kontrolluntersuchung. Auf meine Frage, wie er sein Problem gelöst habe, teilte er mir erfreut mit, dass er meinem Rat gefolgt sei. Er hatte sich zwei wissenschaftliche (randomisierte) Studien vorlegen lassen, die eindeutig belegten, dass die genannten Effekte (Arbeitsverkürzung und Erntesteigerung) sicher eintreten werden. Überzeugt durch die Studien hatte er sich den neuen Traktor angeschafft.

Ein weiteres Jahr später traf ich den Landwirt wieder. Auf meine Frage nach dem neuen Traktor druckste er etwas herum. Seine Begeisterung schien einer gewissen Ernüchterung gewichen zu sein, denn der neue, größere und schwerere Traktor erwies sich nur in 30 Prozent seiner Ackerflächen als sehr gut nutzbar. Da seine Bebauungsflächen im hügeligen Gelände liegen und der Boden zum Teil sehr versteint ist, kann er den neuen Traktor hier nur mühsam einsetzen. In einigen Bereichen mußte er bereits den alten Traktor „revitalisieren“, damit er das Feld überhaupt bearbeiten konnte. Aber für das nächste Jahr versprach sich der Landwirt eine deutliche Verbesserung, denn er führte die Schwierigkeiten auf die mangelnde Erfahrung mit dem neuen Traktor zurück. Ich bat ihn dennoch, bei seinem nächsten Besuch die überzeugenden Studien mitzubringen. Ein weiteres Jahr später war er richtig frustriert, weil der Traktor letztlich nur bei 30 Prozent sehr gut und bei weiteren 20 Prozent mäßig gut einsetzbar war. Für die restlichen 50 Prozent erwies sich der alte Traktor dem neuen als eindeutig überlegen. Ich schaute mir interessiert die beiden randomisierten Studien an und begann zu schmunzeln. Verunsichert bat der Landwirt um eine Erklärung. Ich sagte ihm, daß er hier Opfer eines Phänomens geworden ist, dass jedem Arzt geläufig ist, weil er täglich mehrfach damit konfrontiert wird. Es handelt sich um die externe Validität oder Übertragbarkeit von Schlußfolgerungen aus wissenschaftlichen Studien. In allen wissenschaftlichen vergleichenden Studien werden durch sorgfältig ausgewählte Ein- und Ausschlußkriterien diejenigen Patienten charakterisiert, die in die Studie aufgenommen werden sollen. Die Ergebnisse der Studie beziehen sich natürlich nur auf die untersuchte Studiengruppe. Wenn die Studie ordentlich durchgeführt wurde, dann sind die Schlußfolgerungen für die Studiengruppe gültig. Das nennt man interne Validität. Es bleibt allerdings fraglich, ob die Schlußfolgerungen auch auf eine ähnliche Patientengruppe übertragbar sind. Meistens sind die Daten von „fast gesunden“ Studienpatienten auf die häufig komorbiden Patienten im klinischen Alltag nicht übertragbar; damit ist die sogenannte externe Validität nicht gegeben. Die Pharmaindustrie ist heutzutage bei der Studienplanung so geschickt, daß sie die Patientengruppen und Medikamentendosierungen gezielt so auswählt, daß das neue Medikament genau die Vorteile zeigt, die vorausgesagt werden.

Als mich der Landwirt bei meinen Ausführungen mit den großen Augen des totalen Unverständnisses anschaute, erläuterte ich die Zusammenhänge erneut. Die beiden vergleichenden randomisierten Studien über den Erfolg des neuen Traktor-Pflug-Systems waren nämlich in Oldenburg und Geesthacht durchgeführt worden, auf einem ebenen Ackerland und völlig anderen Bodenverhältnissen. Die dort nachgewiesenen Vorteile sind natürlich auf ein hügeliges Ackerland in Thüringen nicht ohne weiteres übertragbar. Deshalb verwundert auch nicht, daß die Vorteile bei dem Landwirt nur in einem Bereich seiner Ackerfläche nachweisbar ist, der weitgehend der norddeutschen Landschaft entspricht. Die Studien waren einwandfrei durchgeführt worden und entsprachen einem hohen wissenschaftlichen Niveau. Die interne Validität der gezogenen Schlußfolgerungen war sicher gegeben. Aber die externe Validität, d.h. die Übertragbarkeit auf eine andere Landschaft oder Bodenbeschaffenheit war nicht gegeben. Ohne Zweifel kann ein Landwirt in Emden oder Niebüll erwarten, daß in diesen Regionen die Schlußfolgerungen aus der Studie auch valide und übertragbar sind, aber eben nicht in anderen Landesteilen. Dazu wären weitere Studien erforderlich gewesen, die wahrscheinlich zu anderen Schlussfolgerungen geführt hätten. Eine Probestellung des Traktors statt eines Kaufes hätte hier schnell die Grenzen aufgezeigt und den Landwirt vor hohen Investitionskosten be­wahrt.

Kürzlich sah ich den Landwirt letztmalig. Er hat sich mittlerweile damit angefreundet, daß er nun zwei Traktoren warten und pflegen muß. Er hat seine Scheune erweitert, um auch den zweiten Traktor einschließlich Pflug und Ausrüstung unterzubringen. Der alte Traktor mußte zwischenzeitlich repariert werden. Der Nutzen durch die Vorteile des neuen Traktors haben die zusätzlichen Anschaffungs- und Unterhaltskosten noch nicht gerechtfertigt, aber der Landwirt hofft, daß sich die Kosten in zehn Jahren amortisieren – vorausgesetzt der neue Traktor muß nicht repariert werden. Aber ansonsten ist der neue Traktor ein tolles Teil, ein richtiger Hingucker.

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