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Gauner und Moral

Gauner und Moral

Ärzte haben eine bessere Moral als der Durchschnitt der Bevölkerung. Irgendwie scheint sich diese Mär über Jahrtausende tief in das kollektive Bewusstsein eingeprägt zu haben, so dass Betrügereien von Ärzten als besonders verwerflich gelten. Vor dem Gesetz sind wir natürlich alle gleich, aber schmerzhaft ist die soziale Demontage einer jahrhundertealten Voreingenommenheit schon.

 
In der Irrish News wurde kürzlich eine der fast schon üblichen Abrechnungsbetrügereien von Krankenhausärzten beschrieben. Offensichtlich hatten einige ganz Schlaue Kassenarztsitze aufgekauft, mehrere MVZ an den Krankenhäusern gegründet und die Leistungen dann nicht von den entsprechenden Fachärzten, sondern von Assistenzärzten erbringen lassen. Das ist Abrechnungsbetrug und ein geradezu unverschämter Wettbewerbsvorteil gegenüber den niedergelassenen Kollegen. Wer die Leistungen von „preiswerten“ Assistenzärzten erbringen lässt, statt von erfahrenen und teureren Fachärzten, der verschafft sich einen erheblichen monetären Vorteil.
 
Die betroffenen Ärzte wussten sehr genau, dass ihr Verhalten kriminell ist Von etlichen Kliniken ist zudem bekannt, dass der Assistenzarzt sich morgens mit dem Stempel des Chefarztes oder des ermächtigten Arztes in die Ambulanz schleicht und dort produktiv tätig wird. Dieses Vorgehen scheint bei den Beteiligten kaum ein Unrechtsbewusstsein hervorzurufen, denn sie verhielten sich so, als ob sie lediglich im eingeschränkten Halteverbot parken würden. Ein Betrug in der Größenordnung mehrerer Millionen Euro ist indes mit einer Ordnungswidrigkeit im Straßenverkehr kaum vergleichbar. 
 
Unabhängig vom genauen Sachverhalt des Betrugs wurde in einem begleitenden Editorial der Irrish News der Finger in die schmerzhafte moralische Wunde gelegt. Die Autoren fragten rhetorisch, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass sich die Beteiligten keines Unrechts schuldig fühlten. Waren die Ärzte allesamt mit so viel krimineller Energie erfüllt, dass sie ihr Gewissen einfach ausschalteten und billigend kriminell wurden? Man könnte versucht sein, zu ihrer Ehrenrettung anzuführen, dass vielen Beteiligten ihr Vergehen nicht in vollem Umfang bewusst war. Man könnte die Karte der Naivität spielen. Es fällt jedoch schwer, Erwachsenen nach Jahren des Medizinstudiums, der Weiterbildung und der Budgetverantwortung zu glauben, dass sie das nicht gewusst haben. Diese Naivitätskarte sticht demnach nicht. 
 
Welche andere Erklärung bleibt? Als Arzt könnte man geneigt sein, die „böse“ Geschäftsführung als alleinigen Drahtzieher dieser Gaunerei zu bezichtigen und damit jede Verantwortung abzulehnen – schließlich hat man nur im Auftrag gehandelt. Doch diese Erklärung ist in jeder Hinsicht unzureichend. Selbst wenn solche illegalen Handlungsweisen von einer ambitionierten Geschäftsführung an den Chefarzt herangetragen werden, könnte der Chefarzt dieses Ansinnen als kriminell ablehnen. Niemand kann einen Chefarzt zwingen, betrügerisch tätig zu werden. Jeder Chefarzt kann mit dem Hinweis auf den illegalen Charakter der Handlungen solch ein verwerfliches Ansinnen ablehnen. Es sei denn der Chefarzt hat ein persönliches Interesse an diesem Vorgehen und auch die nötige kriminelle Energie, es umzusetzen. 
 
Aber auch die Ober- oder Fachärzte können sich nicht durch den Verweis auf die chefärztliche Order herausreden. Auch sie müssen die Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen. Bleiben die Assistenten als letztes Glied der Kette. Man könnte auf den ersten Blick Verständnis für den Assistenten aufbringen, weil dieser sich der Anordnung des Chefarztes kaum widersetzen kann. Aber auch das ist nicht zutreffend: Er könnte, wenn er wollte. Jeder hat das Recht und die Pflicht seinem Gewissen zu folgen. Es ist keine Frage, dass es einem Assistenten schwer fallen wird, gegen eine chefärztliche Anweisung zu argumentieren, weil man in diesem Fall mit einer Kündigung rechnen müsste. Aber wieso sollte ein Assistent mit Gewissen bei einem Gauner bleiben wollen? Von Chefärzten, die ihren Assistenten solche Entscheidungen zumuten, ist ohnehin nichts Gutes zu er- warten, so dass ein Stellenwechsel mit gutem Gewissen eh die bessere Option wäre. 
 
Das Interessante an diesem gesamten Betrugsskandal ist, dass es sich nicht um einen Einzelfall zu handeln scheint, sondern dass man aus dem systematischen Vorgehen ein erfolgreiches Geschäftsmodell entwickelt hatte, mit dem über Jahre viele Millionen zusätzlich verdient wurden. Von Dritten wurde das Modell bereits als Innovation gepriesen, um die Insolvenz von Krankenhäusern zu vermeiden. Wir wollen hoffen, dass sich dieses Irrische Phänomen bei uns nicht verbreitet. 
 

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