• images/stories/fotoslider_startseite/hp_adler.jpg
  • images/stories/fotoslider_startseite/hp_nashorn.jpg
  • images/stories/fotoslider_startseite/hp_opsaal.jpg
  • images/stories/fotoslider_startseite/hp_reiher.jpg
  • images/stories/fotoslider_startseite/hp_tiger.jpg
  • images/stories/fotoslider_startseite/hp_uhu.jpg

Wissenschaftlicher Kongress im Taubenschlag

Wissenschaftlicher Kongress im Taubenschlag

Und wieder einmal trafen sich alle auf dem jährlichen irrischen Kongress für Chirurgie. Die Gründe waren vielfältig. Bei einer Umfrage vor zwei Jahren wurde als wichtigster Grund für den Kongressbesuch genannt, dass man endlich Gelegenheit fand, alte Freundschaften aufzufrischen und langjährige Bekannte zu treffen – und manche davon zu ärgern. 

 
Die Flucht aus dem Alltagsstress stand im Vordergrund, manche mochten sich auch nur vergewissern, dass es den anderen Kollegen nicht besser geht als ihnen selbst. Einige wollten sich von der Industrieausstellung beeindrucken lassen, denn sie ist für manche Kollegen die einzige Möglichkeit geworden, sich mit neuen Produkten vertraut zu machen. Einige Klinikketten haben es nämlich den Industrievertretern verboten, sich direkt mit den Endverbrauchern, den Chirurgen, auf neue Produkte abzustimmen, – denn schließlich entscheidet die Kompetenz im zentralen Einkauf darüber, was der Chirurg verwenden kann und nicht die individuellen Interessen eines marketingunerfahrenen Chirurgen. Als dritter Grund wurde die Gesundheits- und Berufspolitik genannt und erst als vierter die Fortbildung. 
 
Wissenschaft und EBM schienen ganz hinten zu stehen, was bereits frühere Kongresspräsidenten erkannten. Seitdem wurde das wissenschaftliche Niveau auf das Nötigste beschränkt und mehr der erzählende, unterhaltsame Charakter hervorgehoben. Im letzten Jahr wurde ein bekannter Psychologe auf den Kongress eingeladen, um sich der Misere anzunehmen. Aber nicht als Redner, sondern im Rahmen einer Beobachtungsstudie. Dazu wurden einige Sitzungen mit Pro- und Kontra-Diskussionen aufgezeichnet und später im psychologischen Institut ausgewertet. Ein erfahrener Chirurg unterstützte die Auswertung und erklärte die einzelnen Verfahren. Die Fragestellung der klinischen Untersuchung war einfach: Man wollte wissen, welche Argumente Chirurgen anführen, um sich erfolgreich gegen klare Evidenzen zu wehren. Warum hängen sie an Verfahren, die nachweislich schlechter sind als andere?
 
Mit dieser Untersuchung sollten also die psychischen Mechanismen entschlüsselt werden, die zu solch einem hohen Methodenreichtum geführt haben. Die reproduzierbaren Ergebnisse dieser Studie waren aber so überraschend, dass sie die Psychologen erst publizierten, nachdem sie noch einmal über 100 Chirurgen persönlich befragt hatten, und sich dadurch bestätigt fanden. 
 
Die Ergebnisse lassen sich einfach zusammenfassen: Chirurgen befinden sich alle in ihrer persönlichen Skinner-Box. Erinnern Sie sich noch an die Grundprinzipien des psychologischen Behaviorismus? Wissen Sie noch, was die Tauben von Skinner machten? Skinner hatte den Tauben beigebracht, dass sie durch Drücken eines Hebels Futter bekommen konnten. Natürlich drückten die Tauben alle auf den Hebel, aber nichts geschah. Futter wurde nämlich nur nach einem festen Zeitintervall ausgegeben und nicht durch den Hebel, was die Tauben aber nicht wussten. Das Resultat dieser Boxen war bizarr: Die Tauben hatten ein zufälliges Verhalten mit der Futtergabe assoziiert, obgleich es keine Assoziation gab. Einige Tauben drehten sich im Kreise, einige schlugen mit den Flügeln und andere bewegten den Kopf in unnatürlicher Weise. 
Wie war dieses Verhalten entstanden? Nun, die Tiere führten zum Zeitpunkt der Futtergabe gerade eine beliebige Körperbewegung durch, die bei jeder Taube zufällig gerade eine andere war. Da sie die Futtergabe damit verbanden, führten sie dieselbe Bewegung mehrfach durch, so dass sie zwangsläufig zeitlich mit der nächsten Futtergabe zusammen fiel und so das Verhalten positiv verstärkte. Danach wiederholten sie die „erfolgreiche“ Bewegung immer und immer wieder – und wurden natürlich durch das Futter belohnt, – dachten sie jedenfalls. 
 
Dieses operante Konditionieren liegt nach Meinung der Psychologen den meisten Handlungen der Chirurgen zu Grunde. Zum Beispiel berichtete ein Chirurg, dass einer seiner Patienten einmal an einer kolorektalen Anastomoseninsuffizienz verstorben wäre. Danach habe er die Anastomose geschient, indem er transanal ein Darmrohr über die Anastomose geschoben habe. Es wurde am After festgenäht und verblieb für mehrere Tage, bis der Patient es nach dem ersten Stuhlgang „herausgetrieben“ hatte. Andere Chirurgen präferierten dagegen mehr die postoperative tägliche Dehnung des Sphinkters zum „Schutz“ der Anastomose. Nachdem diese protektiven Verhaltensweisen von den Chirurgen eingeführt worden waren, hörten die Insuffizienzen schlagartig für einige Monate auf. Danach traten sie zwar wieder auf, aber nur weil das Rohr nicht richtig über die Anastomose gelegt, der Sphinkter nicht richtig gedehnt oder der Darm nicht ausreichend vorbereitet worden war.
 
Später verfestigten sich diese Verhaltensweisen zu „gesicherten“ Erkenntnissen. Sie konnten ihre Wirkung in kontrollierten Studien zwar nicht nachweisen, weil es keine Wirkung gab, aber das störte die „erfolgreichen“ Verhaltensweisen kaum. Auch die Taube denkt, dass sie das Futter erhält, wenn sie sich dreimal um sich selbst dreht.

Bücher