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Romantische Chirurgie

Romantische Chirurgie

Alle Menschen streben nach Wissen. Alle Chirurgen sind Menschen. Also streben auch Chirurgen nach Wissen. Das ist für viele Chirurgen aber zu wenig. Sie beanspruchen mehr für sich. Sie meinen, sich von anderen Ärzten durch bestimmte „positive“ Charaktereigenschaften zu unterscheiden, die für einen guten Chirurgen angeblich unabkömmlich sind. 

Was den Glauben an diese besonderen Eigenschaften der Chirurgen aufrechterhält, ist ungewiss, es scheint aber mehr als die Wiederholung üblicher Ärztewitze zu sein. Möglicherweise haben typische chirurgische Entscheidungsprozesse gepaart mit der hohen psychischen und physischen Belastung dazu geführt, dass in erster Linie Ärzte mit eher „robusten“ Eigenschaften zur Chirurgie neigen. Es darf aber bezweifelt werden, dass dazu besondere kognitive Eigenschaften gehören. „Harte“ Chirurgen neigen auch eher zu einer klaren Argumentation und scheuen eine phantasievolle Sprache. Wüstenlandschaften scheinen beliebter und übersichtlicher als ein Regenwald. 
 
Hier soll eine Lanze gebrochen werden für die romantische Chirurgie. Eine Chirurgie, die sich weniger auf die Ergebnisse randomisierter Studien beruft und den Einzelnen als Abweichung eines statistischen Durchschnitts sieht, als eine Chirurgie, die sich ganz auf den Einzelnen fokussiert und auch das Wagnis von neuen, wissenschaftlich nicht einwandfrei bewiesenen Pfaden geht – allerdings immer zum Wohle des Patienten.
 
Warum nennen wir diese Chirurgie „romantisch“? Handelt es sich hier um einen schwarzen Schimmel oder um einen verheirateten Junggesellen? Nein, es handelt sich nicht um einen inneren Widerspruch, sondern um das Bewusstwerden von deutlichen Problemen unseres wissenschaftlichen Weltbildes. Es dürfte mittlerweile allen regelmäßigen Kongressbesuchern hinreichend deutlich geworden sein, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse komplexer Studien einschließlich der boomenden Metaanalysen kaum auf den klinischen Alltag durchschlagen.
 
Die einzelne Meinung des leitenden Chirurgen sticht jedes wissenschaftliche Argument. Aber warum ist das so? Warum fühlt man sich weiterhin wohl, wenn man es anders macht, als wissenschaftlich empfohlen? Durch welches Selbstverständnis widersetzen wir uns erfolgreich den Ergebnissen der Wissenschaften? Welche Intuition leitet uns? Es ist die romantische Chirurgie. Es ist eine Einstellung, die die Grenzen der wissenschaftlichen Methode erkannt hat, sie respektiert und sich dennoch weiterentwickelt – unwissenschaftlich weiterentwickelt. Wie können wir das verstehen?
Eine interessante Antwort können wir den Schriften von Isaiah Berlin [1] entnehmen, der immer wieder darauf aufmerksam gemacht hat, dass unser wissenschaftlicher Ansatz der letzten Jahrhunderte auf drei Prinzipien beruht – auf drei höchst fragwürdigen Prinzipien! 
Das erste Prinzip besagt, dass es auf alle sinnvollen Fragen auch eine Antwort gibt. 
Als zweites Prinzip unterstellen wir, dass wir grundsätzlich alle Antworten finden können, wenn wir nur lange genug danach suchen bzw. forschen. 
Das dritte Prinzip, das besonders problematisch und fragwürdig ist, behauptet, dass die Antworten miteinander verträglich sein müssen. Wir können es nicht ertragen, zwei sich widersprechende, wissenschaftlich fundierte Antworten zu akzeptieren, die beide wahr sein sollen. Wir würden solange weiterforschen, bis wir den Widerspruch aufgelöst haben. Am Ende muss er sich irgendwie auflösen. Es kann am Ende nur eine Antwort richtig sein, – suggerieren die Wissenschaften.
 
Aber das ist falsch, wie wir aus unserem täglichen Alltag wissen. Es gibt sehr häufig mehrere gleichwertige Antworten. In Wirklichkeit blenden uns die Wissenschaften. Sie wollen uns weismachen, dass unser Weltbild einem riesigen Puzzle gleicht, das aus sehr vielen Teilen besteht, die wir nur zusammensetzen müssen, um es zu verstehen. Die Wissenschaften suggerieren, dass wir das zurzeit zwar noch nicht können, weil wir noch nicht alle Teile zusammenhaben. Aber sie hoffen, dass wir es eines Tages können. Dann sollen wir die Zusammenhänge umfassend und widerspruchsfrei verstehen.
 
Aber ist das wirklich so? Ist dieses Weltbild nicht ein Relikt mechanistischer linearer Denkweise, die den heutigen komplexen Fragen und Problemen nicht mehr gerecht wird? Oder jagen die Wissenschaften hinter einem vermeintlichen Schatz her, den es gar nicht gibt oder geben kann? Werden unsere Fragen tatsächlich weniger, je mehr Antworten wir sammeln, je mehr Erkenntnisse wir gewinnen? Oder potenzieren sich die Fragen nicht mit neuen Antworten? Sollten wir nicht irgendwann akzeptieren, dass wir auf dieselbe Frage nicht immer dieselben Antworten geben, sondern sie nach den jeweiligen Umständen modifizieren. 
 
Diese Erkenntnis hätte ungeahnte Folgen. Wenn nicht alle dieselben Antworten geben, ist es unwahrscheinlich, dass wir alle dieselben Behandlungsmethoden befürworten, um erfolgreich zu sein. Die Suche nach der „besten“ Methode führt in der romantischen Chirurgie zwangsläufig in verschiedene Richtungen. Diese Art der Chirurgie ist allerdings kein Freibrief für beliebige Behandlungen. Sie stellt viel höhere Anforderungen an den Chirurgen, als wenn wir reflexartig die vermeintlich fundierte Methode auswählen, die sich am Durchschnittsmenschen ausrichtet. Die romantische Chirurgie stellt höhere intellektuelle und moralische Anforderungen. Sie erfordert einen gut ausgebildeten, abwägenden Chirurgen, der gemeinsam mit dem Patienten in der konkreten Situation nach einer optimalen individuellen Lösung sucht.
 
 1. Berlin I (2009) Das krumme Holz der Humanität. Berlin Verlag, Berlin

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