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Zeitreise im Gesundheitssystem

Zeitreise im Gesundheitssystem

Eine Duplizität der Fälle? Auch diesem Mal wurde ich wieder zu einem Konsil in die Psychiatrie gerufen. Wieder war es eine Gallenkolik bei einem psychotischen Gesundheitsökonomen. Ich erwartete einen bekannten Patienten vorzufinden und war sehr überrascht, einen anderen anzutreffen. Neugierig fragte ich das psychiatrische Personal, weshalb er in Behandlung sei: Der Patient halte sich für einen Gesundheitsökonomen aus der Zukunft.

 
Den Schalk im Nacken suchte ich den Patienten auf und fragte ihn, warum er den in die Vergangenheit gereist sei. Der Patient erzählte: „Ich habe Gesundheitsökonomie studiert, weil mich das ökonomische Element im Gesundheitswesen interessierte. Ich war besessen von der Idee, marktwirtschaftliche Prinzipien im Gesundheitswesen einzuführen, weil ich mir dadurch eine weitere Effizienzsteigerung und Kosteneinsparung versprach. Unsere Gesundheitswesen funktioniert zwar relativ gut, aber ich glaubte an eine weitere Verbesse rung. Als ich meine Vorstellungen öffentlich äußerte, wurde ich von allen ausgelacht und einige ältere Kollegen wiesen mitleidig auf die Vergangenheit hin. Daraufhin studierte ich die Entwicklung der Gesundheitssysteme der letzten hundert Jahre und musste entsetzt feststellen, dass meine Ideen anachronistisch waren, denn sie wurden bereits früher umgesetzt.  Der Versuch, Gesundheit als eine Ware zu betrachten, die nach marktwirtschaftlichen Prinzipien hergestellt und gehandelt wurde, war allerdings kläglich gescheitert. Meine historischen Forschungen ergaben, dass damals Gesundheit primär in monetären Einheiten bewertet wurde und man nur noch bestrebt war, viele Prozeduren günstig und profitabel auf den Markt zu bringen. Dadurch wurden die Kosten in schwindelnde Höhen getrieben, ohne dass sich die Gesundheit der Menschen tatsächlich wesentlich verbesserte.“
 
Neugierig wollte ich jetzt vom Patienten wissen, was dann geschah: „Es wurde ein radikaler Wandel vollzogen. Man besann sich auf die eigentlichen Werte der Gesundheit und entwickelte ein humanitäres Gesundheitswesen, das die vorhandenen Ressourcen tatsächlich dazu verwendete, die Gesundheit der Menschen zu verbessern. Die Prävention wurde intensiv gefördert, die Prozeduren rationiert und nur noch die wirklich effektiven durchgeführt.“ 
 
Da ich mir kaum vorstellen konnte, wie so etwas geschehen sein könnte, fragte ich den Patienten nach Details. „Man machte sich die Prinzipien der Selbstorganisation bzw. autopoietischer Systeme zu Nutze. Es wurde ein struktureller und finanzieller Rahmen festgelegt, in dem sich das System entwickelte durfte. Dann wurden einfache transparente Regeln vorgegeben, die von kompetenten Menschen umgesetzt und kontrolliert wurden und innerhalb kurzer Zeit stabilisierte sich ein sehr effektives, sozial verträgliches und anerkanntes System.“ 
 
Begeistert fragte ich nach, wie dieses sich vom heutigen System unterschied: „Zunächst wurden alle Krankenkassen abgeschafft und das Gesundheitssystem über Steuern finanziert. Aus Solidaritätsgründen gab es keine privilegierten Privatpatienten mehr. Die teure Verwaltungsbürokratie und der nicht funktionierende Kontrollapparat wurden abgeschafft und durch eine ergebnisorientierte Qualitätskontrolle ersetzt. Die Gesundheitsausgaben wurden eingefroren und damit Leistungen rationiert. Dadurch wurden alle Beteiligten gezwungen, die Ressourcen gewissenhafter einzusetzen und nicht zu verschwenden. Die erforderlichen transparenten Rationierungen wurden in der der Öffentlichkeit diskutiert, um die Erwartungshaltungen zu korrigieren. Ärzte wurden in Abhängigkeit von ihrer Qualifikation bezahlt, wenn sie eine bestimmte Menge von Personen betreuten. Sie wurden nicht mehr danach bezahlt, wie viele Prozeduren sie durchführten. Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) wurden grundsätzlich verboten, um ungerechtfertigte Nebenverdienste zu unterbinden. 
 
Die Krankenhäuser wurden gezwungen, sich wieder auf ihre eigentliche Aufgabe zu konzentrieren und für eine bestimmte Kommune die Krankenversorgung zu garantieren. Alle Krankenhäuser wurden deshalb wieder in den Verantwortungsbereich der Kommunen überführt. Die Krankenhäuser wurden hauptamtlich von Ärzten geleitet. Ein kleiner Verwaltungsstab half den Ärzten bei der Administration und Versorgung und die Pflege- und Funktionskräfte unterstützten die Ärzte bei der Behandlung der Patienten. Das Krankenhaus wurde nicht danach bezahlt, wie viele Operationen oder andere Eingriffe erbracht wurden, sondern dafür, dass es die Krankenversorgung einer Region sicherstellte.“ 
 
Da ich in Zeitnot war, unterbrach ich den Patienten und fragte ihn, warum er denn überhaupt in die Vergangenheit gereist ist? „In meiner Zeit kann ich nichts ausrichten und kein Geld verdienen, aber in Eurer Zeit werde ich noch richtig reich werden.“ 

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