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Wahnvorstellungen eines Gesundheitsökonomen

Kürzlich wurde ich zu einem Konsil in der Psychiatrie gerufen. Ein Privatpatient klagte über Gallekoliken. Auf meine Frage, warum der Patient psychiatrisch behandelt werde, erhielt ich die Auskunft: Er sei ein Ge- sundheitsökonom mit gespaltener Persönlichkeit. Er war von seinen Arbeitskollegen wegen Wahnvorstellungen eingewiesen worden. 

 
Neugierig geworden, fragte ich den Gesundheitsökonomen, was ihn denn antreibe. Immer wieder stöhnte er: „Ihr seid alle verrückt! Ihr seid alle verrückt!“ Ich setzte mich zu ihm und ließ mir erklären, warum wir angeblich alle verrückt wären. „Ihr betreibt Medizin, ohne dass die Menschen gesünder werden. Ihr führt Prozeduren und kom- plexe Behandlungen nur deshalb durch, weil sie bezahlt werden. Ihr seid alle dem Wahn verfallen, möglichst viele Behandlungen vorzunehmen, anstatt nur diejenigen zu wählen, die dem Menschen tatsächlich nutzen. Ihr bläht das Gesundheitssystem extrem auf, ohne dass es den Menschen dadurch tatsächlich besser geht. Ihr Ärzte habt Euch aus persönlicher Profitgier vor einigen Jahrzehnten vor den Karren der Ökonomie und Industrie spannen lassen. Dafür werdet ihr jetzt gehetzt und angepeitscht von Geschäftsführern, die Euch zwingen, immer mehr und immer mehr zu produzieren. Ärztliches Handeln wurde vor langer Zeit auf dem Altar der Ökonomie geopfert. Es wird Euch heute vorgegaukelt, dass ein expansives Wachstum medizinischer Leistungen dauerhaft möglich ist. Und Ihr glaubt diesen Unsinn. Das ist Wahnsinn.“ 
 
Oje, ist diese Person wirklich verrückt? Ähnliches habe ich gedacht, als wir in der letzten Planungssitzung mit unserer Geschäftsführung über die weitere Entwicklung der Klinik diskutierten. Und ähnliche Gedanken tauchten immer wieder aus meinem Unterbewusstsein auf, wenn ich Gespräche mit anderen leitenden Ärzten führte. Aufgrund der zu erwartenden Tarifsteigerungen von zirka fünf Prozent im nächsten Jahr werden alle leitenden Ärzte angehalten mit demselben Personal noch einmal fünf Prozent mehr zu leisten oder Personal abzubauen und dasselbe zu leisten.
 
Die Geschäftsführungen aller Kliniken fordern wie jedes Jahr, dass Ärzte noch effektiver arbeiten müssen: Die Zitrone muss eben noch weiter ausgequetscht werden. Welche Zitrone frag ich mich? Vor mir liegt eine hölzerne braune Masse, deren Ursprung überhaupt nicht mehr erkennbar ist. Da gibt es nichts mehr auszuquetschen. Selbst mit einer Schrottpresse nicht. Alle Ärzte sollen immer mehr schaffen, oder dasselbe, wenn zugleich Personal abgebaut wird. Kaum einer wagt heute den Kopf zu erheben und darüber zu sprechen, dass wir dem Patienten ein Mindestmaß an medizinischer Qualität schulden – den berühmten medizinischen Standard.
 
Es ist in den vergangenen Jahren bereits zu einem spürbaren Qualitätsverlust gekommen und er wird wahrscheinlich zunehmen. Inwieweit diese weitere Qualitätsminderung noch erträglich und mit dem medizinischen Standard vereinbar ist, ist sehr fraglich. – Und selbst wenn wir vielleicht noch kleine Effizienzreserven hätten, um unseren Umsatz mit demselben Personal zu steigern, wo sollen die zusätzlichen Kranken herkommen? Dem unkundigen medizinischen Laien fallen direkt einige Antworten ein: Das Kreieren neuer Krankheitszustände oder das Abwerben von Patienten aus konkurrierenden Krankenhäusern. Das Letztere klingt leichter als getan. Wer glaubt denn schon, dass er im nächsten Jahr plötzlich 50 kolorektale Resektionen oder 100 Schilddrüseneingriffe mehr durchführt? Von wenigen Ausnahmesituationen abgesehen, sind die Patientenströme in einer Region natürlich gewachsen und über Jahre sehr stabil. Nur wenn eine Klinik wegen vieler Komplikationen oder Infektionen in der Presse steht, wenn ein Krankenhaus von Niedergelassenen sabotiert wird oder wenn das Essen sich weit unter die Genießbarkeit verschlechtert, ändern sich vielleicht diese Ströme. Das Anrufen oder Besuchen von niedergelassenen Ärzten allein ist genauso wenig hilfreich wie die angebotenen wenig besuchten Fortbildungsveranstaltungen anzupreisen, die wöchentlich zu Tausenden durchgeführt werden. Was wirklich effektiv wäre (ist), wäre die Bestechung durch Kopfgelder – was natürlich niemand ernsthaft in Erwägung zieht, denn der Handel mit Kranken widerspricht dem fürsorglichen Umgang eines Arztes. 
 
Einige ökonomisch ausgerichtete Laien äußern auch den Gedanken, den Umsatz zu steigern, indem bei konstanter Patientenzahl der Schweregrad erhöht wird. Doch woher sollen plötzlich die Schwerkranken kommen? Nicht selten müssen sich leitende Ärzte vor ihren Chefs rechtfertigen, warum die Anzahl der Patienten mit Beatmungen sinkt oder warum der Anteil fortgeschrittenen Entzündungen abnimmt. Dass dieses der Ausdruck einer guten chirurgischen Tätigkeit sein könnte, interessiert niemanden. Für den Umsatz wäre es besser, mehr schwere Komplikationen zu produzieren, um die bereits vorhandene ITS-Kapazitäten auszulasten. Es wäre für den Umsatz besser, entzündliche Erkrankungen erst fahrlässig zu beobachten und sie nach der Perforation oder Gangrän zu behandeln. Allein die Tatsache, dass jemand so etwas denkt, ist bereits verwerflich und weist daraufhin, wie verrückt die Situation ist. Wobei wir wieder bei unserem Patienten sind. Hoffentlich gelingt es, den Gesundheitsökonomen durch geeignete Psychopharmaka von seinen Wahnvorstellungen zu befreien.