A+ R A-

A man has to do what a man has to do!

Einem berufspolitisch unerfahrenen Kollegen möge man die nächsten Zeilen verzeihen, denn sie wurden mit dem Herzen eines Chirurgen geschrieben. Es geht um die Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Viszeralchirurgie im Rahmen des diesjährigen Chirurgenkongresses in München, in der darüber entschieden werden sollte, ob sie in Zukunft „Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie“ heißen soll.

Die berufspolitisch Unbedarften wurden erst kurz zuvor auf diese brisante Thematik hingewiesen. Die gewählten Vertreter H.J. Buhr und H.P. Bruch waren offensichtlich bereits im Vorfeld „abgewatscht“ worden, weil sie diesen längst fälligen Vorschlag umsetzen wollten. Man hätte zunächst verblüfft darüber sein können, daß überhaupt eine Entscheidung dazu erforderlich gewesen sein sollte, denn die Wirklichkeit in den deutschen Kliniken hatte schon längst entschieden, daß die Allgemein- und Viszeralchirurgie zusammenge­hören und die „reine“ Viszeralchirurgie eine klapprige Vogelscheuche ist. Man konnte sich außerdem nur wundern, daß jemand ernsthaft die Herren Buhr oder Bruch attackierte, denn sie sind zwar standfeste Chirurgen mit klarer Position, aber zugleich auch dafür bekannt, daß sie eher den Konsens suchen und Konflikte vermeiden. In der Versammlung wurde dann schnell klar, daß beide mehrfach erfolglos versucht hatten, mit den anderen Gesellschaften und der Muttergesellschaft eine sinnvolle Einigung zu erzielen. Da diese aber nicht zustande kam, sollten nun Fakten geschaffen werden. Also eigentlich ein ganz normaler Vorgang – sollte man vermuten.

Was sich dann aber auf dieser Veranstaltung abspielte, kann man plastisch mit dem Bild eines klassischen Western der DEFA oder von John Ford beschreiben – nicht jedoch mit einem Italo-Western, weil dort direkt schweigend geschossen worden wäre. Also, man stelle sich ein großes Indianerpalaver vor, wie es aus alten Filmen hinlänglich bekannt ist. Häuptlinge und Krieger der umliegenden Stämme haben sich versammelt, um zu entscheiden, wie gegen den „weißen“ Mann vorgegangen werden soll, nachdem er den Boden heiligen Indianerlandes entweiht hatte. Nach ausgiebigem Tanz wird in kriegerischem Gewand diskutiert, ob das Kriegsbeil ausgegraben werden soll, weil die Weißen die Verträge wiederholt gebrochen hatten. Zunächst ergreift der gewählte Oberhäuptling das Wort und empfiehlt eine maßvolle Attacke, weil die bisherigen Drohungen nicht ausgereicht hatten. Ein älterer und sehr erfahrener Häuptling, der früher vielfach mit den „weißen Verrätern“ verhandelt hatte, rät zu erneuten Ge­sprä­chen, auch wenn sie bisher nichts gebracht hätten. Ein greiser Häuptling hatte sich bereits mit seinen Altersgenossen beraten und rät zu äußerster Zurückhaltung und unbedingter Beratung, bis ein Konsens ausgehandelt worden sei. Dann tritt ein zorniger junger Krieger auf und verlangt den sofortigen Kampf. Die übrigen rauflustigen Krieger schlagen vor Begeisterung auf ihre Waffen und stimmen den Kriegsgesang an. Der Häuptling eines großen Stammes steht auf klagt die anderen Häuptlinge in einer flammenden Rede als Feiglinge an, wenn sie sich das weiter gefallen lassen, denn sie würden die Zukunft des Nachwuchses und damit die der gesamten Kultur gefährden.

Im Film signalisiert solch eine Situation immer das Unabänderliche – denn zu solch einem Palaver wird nur geladen, wenn bereits alle Verhandlungen gescheitert sind. Immer dann, wenn die Interessen zu gegensätzlich sind, als das ein friedlicher Kompromiß möglich ist, wird zum großen Treffen und späteren Raufen gerufen. Es gibt keine Alternative zum Konflikt und ab sofort gilt das Motto: „A man has to do what a man has to do“. Selbstverständlich kann man die Mitgliederversammlung nicht ernsthaft mit solch einem Palaver vergleichen, doch die Situation läßt sich dadurch plastischer beschreiben. Es ist allen seit Jahren klar, daß die neue Struktur einen großen „Geburtsfehler“ enthält, der dringlich korrigiert werden muß. Mit dem neuen Allgemeinchirurgen wurde ein Zombie und mit dem Viszeralchirurgen ein Krüppel geschaffen, die in unserer heutigen Kliniklandschaft nicht überleben können.

Es bleibt also dringlich, diesen Fehler zu erkennen und zu beseitigen. Dazu sind klare Abgrenzungen zu den anderen operativen Fachdisziplinen erforderlich, die sich an der Wirklichkeit der Kliniken auszurichten haben und nicht an den Wünschen der einzelnen Gesellschaften. Es ist von keiner spezialisierten Gesellschaft hilfreich, sich vermeintliche Pfründen sichern zu wollen, die sie dauerhaft gar nicht besetzen können. Alle Gesellschaften sollten sich zügig an einen Tisch setzen, um den Tätigkeitsbereich eines Allgemeinchirurgen abzustecken. Möglicherweise ist es sinnvoll, wenn sich Universitätsprofessoren oder Chef­ärzte sehr großer Kliniken zunächst nicht an diesen Ge­sprächen beteiligen, um eine gewisse Realitätsnähe zu bewahren.