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Glauben, zu wissen, oder wissen, zu glauben?

Der Kongreßsaal war voll und alle lauschten den interessanten Ausführungen des Redners, der über ein neues Behandlungsverfahren berichtete, das ge­wisse Vorteile auszuweisen schien, wenn man es mit herkömmlichen Methoden verglich. In der an­schließenden kritischen Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass ein verwendeter Beurteilungsscore nicht ausreichend validiert worden war und somit die Ergebnisse nicht sicher seien. Der Redner verteidigte sich mehrfach und versuchte die Zuhörer von der neuen Methode zu überzeugen. Dann stand ein wortgewaltiger Ordinarius auf und wies auf die Wortwahl des Redners hin. Der Redner hatte nämlich mehrfach den Satz „ich glaube, daß …“ verwendet. Der Ordinarius wies darauf hin, daß dem zuzustimmen ist, wir aber darauf warten, daß aus diesem Satz der Satz „ich weiß, daß …“ wird. Glauben wäre eben nicht Wissen und die Zuhörer im Saal wollten schließlich wissen und nicht nur glauben. Mit diesem „Totschlagargument“ war die Diskussion natürlich sofort beendet, denn wer wollte sich auf einem wissenschaftlichen Kongreß als „Gläubiger“ enttarnen lassen, ohne sicheres Wissen.

Doch werfen wir einen gezielten Blick auf diese Argumentation. Dieser rhetorisch geschickte An­satz unterstellt eine tatsächliche qualitative Unterscheidung von Glauben und Wissen, d.h. das Wissen von Glauben eindeutig durch bestimmte Merkmale unterschieden werden kann. Dem Attackierten wird quasi unterstellt, daß seine angenommenen Erkenntnisse keine tatsächlichen Erkenntnisse sind, sondern bloße Glaubensbekenntnisse, Spekulationen oder Vermutungen. Der scheinbar minderwertige Gläubige wird dem überlegenden Wissenden gegenübergestellt.

Obwohl diese rhetorische Attacke immer wieder geritten wird, trifft sie doch seit einigen Jahrhunderten aus zwei Gründen ins Leere. Der erste Grund besteht in der Begriffsbestimmungen von Glauben und Wissen bzw. von „ich glaube, daß …“ und „ich weiß, daß …“. Vor einigen Jahrtausenden behaupteten die Weisen, daß man Wissen von Glauben unterscheiden könne und müsse. Gesucht wurde eine Möglichkeit, zu tatsächlichem Wissen (episteme) zu gelangen. Dieses sichere Wissen sollte die Wirklichkeit so abbilden, wie sie ist. Die uns durch Wissen offenbarten Wahrheiten erschienen als sicher für alle Zukunft. Im Gegensatz zu solch einem Wissen, wurde damals das bloße Meinen, Glauben oder Vermuten (doxa) gesetzt, das lediglich vorläufig gilt und ungewiß ist. Es wurde im Vergleich zum Wissen als minderwertig und als nur wahrscheinlich eingestuft.

Diese qualitative eindeutige Unterscheidung zwischen Wissen und Glauben wurde seit der Renaissance aufgeweicht und ist heute einer graduellen Bewertung gewichen. Auf der einen Seite steht ein relativ sicheres Wissen und auf der anderen Seite ein unsicherer Glaube. Letztlich ist alles Glaube, aber mit einem unterschiedlichen Grad der Gewißheit. Absolute Gewißheit wird zwar gerne angestrebt, sie ist aber bei allen interessanten Themenkomplexen unerreichbar. Vieles was man früher definitiv wußte und was die klügsten Köpfe für unbedingt wahr hielten, erwies sich später als falsch: Zum Beispiel Galens Anatomie, das geozentrische Weltbild, die Schöpfungsgeschichte oder Phlogistontheorie.

Die klassische Interpretation von Wissen im Vergleich zum Glauben wird üblicherweise so formuliert: Wissen heißt, etwas zu glauben und zusätzlich berechtigte Gründe für die Vermutung angeben zu können. Also, auch der Wissende glaubt, aber er kann seinen Glauben offensichtlich noch zusätzlich rechtfertigen. Es sind demnach Rechtfertigungen, die Glauben und Wissen trennen. Es sind Rechtfertigungen, die unsere Gewißheit ausdrücken. Und Ge­wißheit ist ein subjektives Gefühl und kein objektives Merkmal.

Mit Rechtfertigungen können wir heute in der Medizin sehr viel anfangen, weil wir durch die Evidenz-basierte Strömung in der modernen Medizin gelernt haben, mit Evidenzen bzw. Belegen um­zugehen. Wir akzeptieren eher gut belegte Rechtfertigungen und fühlen uns unsicher, wenn die Begründung schwach ist.

Ob jemand etwas glaubt oder zu wissen weiß, hängt natürlich von seiner persönlichen Bewertung der Rechtfertigung, von der vorgefundenen Evidenz ab. Wenn man ignorant ist und nur die Evidenz zuläßt, die einem zusagt, dann hält man seine Behauptung für absolut gerechtfertigt und schätzt den eigenen Glauben als sicheres Wissen ein. Wenn man dagegen umsichtig nach der verfügbaren Evidenz sucht, dann wird man ehe demütig zugeben, daß die Behauptung nicht absolut sicher ist. Man wird auch weniger borniert und toleranter.

Im Umgeben mit den Begriffen „Glauben/Wissen“ sollten wir uns verdeutlichen, daß alles Wissen grundsätzlich fallibel ist. Um die Wahrscheinlichkeit gering zu halten, daß wir uns irren, und um unsere Gewißheit zu erhöhen, sollten wir ein besonderes Augenmerk auf die verfügbare Evidenz werfen. Die Qualität der externen Evidenz ist der entscheidende Maßstab. Und nach ihr in einer wissenschaftlichen Diskussion zu fragen, ist nicht nur legitim, sondern unbedingt erforderlich.