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Weshalb gute Chirurgen auch gute Manager sind

Es gibt Gute und Schlechte. Diese Aussage gilt nicht nur für Äpfel, Autos oder Hunde, sondern auch für Menschen. Diese Aussage ist zwar wertend, aber nichtssagend, denn es wurde nicht gesagt, nach welchen Kriterien die Dinge in gute und schlechte eingeteilt wurden. So will der Erste einen Sportwagen, der Zweite ein Familienauto und der Dritte ein geländegängiges Fahrzeug für die Jagd. Alle bewerten das Auto nach unterschiedlichen Kriterien und kommen zu anderen Schlußfolgerungen über das bessere Auto.

Natürlich gelten etwa für Verwaltungsleiter oder Chirurgen andere Kriterien. Selbst unter den Ärzten muß ein guter Chirurg nicht auch ein guter Radiologe sein, wie jeder weiß, der beobachtet hat, wie sich ein Internist, Radiologe, Chirurg und Pathologe bei einer gemeinsamen Entenjagd verhalten.

Auch gute Manager unterscheiden sich von weniger guten. Es mag zwar keine allgemein akzeptierten, harten Unterscheidungskriterien geben, aber in den einschlägigen Managementbüchern wird auf individuelle Charakteristika hingewiesen, die einen guten Manager auszeichnen. Offensichtlich sind diese Fähigkeiten aber nicht erlernbar, denn sonst besäßen sie alle Manager, wenn sie die einschlägigen Bücher gelesen hätten. Denkbar wäre aber auch: Sie sind erlernbar und einige Manager haben die Bücher nicht gelesen. Persönlich neige ich zur ersten Version.

Warum sollen gute Chirurgen auch gute Manager sein? Weil sie exakt diejenigen Eigenschaften haben, die auch einen guten Manager auszeichnen. Die wichtigsten Charak­ter­eigenschaften sind sicherlich Selbstkritik und  Verantwortungsgefühl. Wer sich zu sich selbst kritisch verhält, seine Fehler erkennt und bereit ist, daraus zu lernen, wird seine Handlungen kontinuierlich modifizieren und besser werden. Dazu bedarf es der ehrlichen Selbstreflexion und dem Zugeständnis, daß es auch besser gegangen wäre. Das Verantwortungsgefühl sowohl dem Patienten als auch der gesamten Umgebung gegenüber sorgt dafür, daß er im entscheidenden Moment die Verantwortung nicht delegiert, sondern selbst in die Hand nimmt. Er macht nicht andere für das Mißlingen verantwortlich, sondern sich selbst.

Gute Chirurgen zeichnen sich dadurch aus, daß sie entscheidungsfreudig sind. Sie treffen ihre Entscheidungen aber in dem Bewußtsein, daß sie sich auch geirrt haben könnten. Sie nehmen Feinjustierungen vor, um Fehlentscheidungen früh zu erkennen und rasch gegenzusteuern. Denn eine Entscheidung zu treffen und gnadenlos zu ihr zu stehen, kann in desaströse Verläufe münden. Entscheidungen zu modifizieren bedeutet zugleich das Eingeständnis, daß die erste Wahl nicht optimal war. Diese Fähigkeit, sich Fehler einzugestehen und damit leben zu können, zeichnet gute Chirurgen aus.

Das Verhalten des Chirurgen ist relativ stabil, weil er Verfahren nutzt, die er für erfolgreich hält. Er ist nur schwer davon zu überzeugen, neue Techniken einzuführen. Erst deutliche Vorteile drängen ihn zum Nachdenken. Dieser relative Konservatismus ist zwar einerseits hinderlich für Innovationen, ist andererseits jedoch von Vorteil, weil sich viele vermeintliche Innovationen als trügerisch erweisen. Man erkennt einen guten Chirurgen auch daran, daß er sich eines Problems annimmt und nicht bereits bei geringen Schwierigkeiten aufgibt, oder sich ablenken läßt. Einmal auf die Spur gesetzt, verfolgt er sie gewissenhaft und überwindet die Widerstände, die sich ihm entgegenstellen.

Manche Krankheitsverläufe sind sehr komplex und unübersichtlich. Wir können häufig die wichtigsten Folgen unserer Therapie nicht sicher vorhersagen, weil die Verknüpfungen der Folgen nicht vollständig zu durchschauen sind. Manchmal sind unsere pathophysiologischen Kenntnisse unvollständig und manchmal schlichtweg falsch – was wir häufig erst nach Jahrzehnten entdecken. Alle Entscheidungen, die am Krankenbett getroffen werden, berücksichtigen sowohl die Komplexität als auch die Unbestimmtheit. Deshalb hinterfragen wir, ob die An­nahmen oder Bedingungen, die zu einer Entscheidung ge­nötigt haben, auch weiterhin zutreffen. Stimmt die Indikation oder Diagnose auch im Angesicht neuer Untersuchungsergebnisse? Entwickelte sich der Patient wie vorhergesagt? Oder sind noch andere Einflußgrößen am Werk, die bisher unberücksichtigt blieben und das Ergebnis in Frage stellen können? Chirurgen arbeiten hypothetisch. Man ist sich nicht hundertprozentig sicher – kann aber mit der Unsicherheit umgehen.

Es ist manchmal schwierig,  scheinbar unlösbare Probleme vernünftig zu lösen. Sie einfach zu vergessen, weil man sie scheinbar nicht bewältigen kann, oder gar an nachgeordnete Kollegen zu delegieren, ist für einen guten Chirurgen undenkbar. Natürlich sind auch die Guten manchmal hilflos, weil ein Ausweg nicht in Sicht ist, man wird jedoch trotzdem eine Lösung anstreben – manchmal ist es eben doch nur die drittbeste; die beste fällt einem nach einigen Monaten ein oder man hört sie von einem Kollegen.