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Chaos gewinnt gegen Ordnung

Beim Verweilen an einem Messestand des diesjährigen Chirurgenkongresses registrierte ich plötzlich den Satzfetzen „…Du Chaot kannst doch nicht …“, der mich sofort sensibilisierte. Obgleich ich dem Wunsch widerstand, mehr von der Unterhaltung aufzuschnappen, wendete ich mich unwillkürlich um, um Sprecher und Angesprochenen zu identifizieren. Interessiert war ich primär an dem Angesprochenen und nicht an dem Sprecher. Denn solche Sätze werden in der Regel nur von Menschen mit einem schlichten Verstand geäußert, die sich einem komplexeren Verstand gegenübersehen, den sie nicht verstehen. Chaos ist ein negativ besetztes Reizwort, weil es das Gegenteil von Ordnung bedeutet. Und besonders in deutschen Landen ist Ordnung sehr beliebt. Wenn man von der politischen oder soziologischen Bedeutung des Begriffes „Chaot“ einmal absieht, dann bezeichnen wir denjenigen als Chaoten, dessen Ideen, Absichten oder Entscheidungen wir nicht verstehen oder nicht nachvollziehen können. Solche Menschen wirken auf unsverwirrend, konfus und manchmal auch abstrus, weil wir nicht begreifen, durch welche Strukturen sie geleitet werden. Was natürlich nicht zwangsläufig bedeutet, dass sie keine haben.

Was ist Ordnung, was ist Chaos? Chaos ist das Gegenteil von Ordnung. Es bezeichnet eine Unordnung. Wann aber ist etwas geordnet oder ungeordnet? Betrachten wir dazu einige eindeutige und klassische Beispiele. Es handelt sich um einfache Zahlenfolgen wie: 2, 4, 6, 8, 10, … oder 1, 4, 9, 16, 25, 36, 49, … Es ist sofort sichtbar, nach welchen Regeln die beiden Reihen aufgestellt wurden. Dadurch, dass wir eine Gesetzmäßigkeit hinter einer Zahlenreihe erkennen, erscheint sie uns als geordnet. Doch wie sieht es mit der folgenden Zahlenfolge aus: 1, 4, 1, 5, 9, 2, 6, 5, 3, 5, 8, 9. Hier ist auf den ersten Blick keine mathematische Gesetzmäßigkeit zu erkennen. Wenn wir aber eine „3,“ davor schreiben, dann wird deutlich, dass es sich um die Zahl π (3,141592653589) handelt. Sie ist eine irrationale Zahl, so dass sich die Zahlen hinter dem Komma niemals wiederholen. Auch diese Zahlenfolge ist streng regelhaft und jede Folgezahl lässt sich nach einem Algorithmus exakt berechnen. Die Tatsache, dass wir in Zahlenfolgen oder Daten keine Regel erkennen, bedeutet nicht, dass sie tatsächlich ungeordnet sind. Solange wir die Gesetzmäßigkeit noch nicht er­kannt haben, besteht immer eine Chance, die Regel zu entdecken. Versuchen Sie doch einmal die Regel für die folgende Zahlenfolge zu finden, die von Foerster in seinen Schriften verwendet: 8, 3, 1, 5, 9, 6, 7, 4, 2. Geben Sie nicht auf, die Regel zu finden, denn es ist eine klare und einfache Ordnung in dieser Zahlenfolge verborgen – Lösung folgt. Das, was hier für Zahlenfolgen gilt, gilt auch im täglichen Leben. Ordnungen sind nicht immer sofort sichtbar und erscheinen vielfach zunächst als Chaos. Betrachten Sie doch einmal ein normales Kinderzimmer. Für die Eltern ist selten eine Ordnung erkennbar und dennoch fühlen sich die Kinder in ihrer Ordnung wohl und wissen auch, was sich an jedem Ort befindet. Sollten Sie unterstellen, dass Kinder kein „Ordnungsgefühl“ haben oder ihnen die Fähigkeiten fehlt, Strukturen zu erkennen oder sich daran zu erinnern, dann sollten Sie mit einer Sechsjährigen einmal Memory spielen – da werden manchen Erwachsenen schnell Grenzen aufgezeigt.

Sie können auch selbst testen, wie es sich mit unterschiedlichen Ordnungssystemen verhält. Beauftragen Sie doch einmal ein Familienmitglied, Ihren Schrank aufzuräumen. Oder bitten Sie Ihre Mitarbeiterin oder Sekretärin, Ordnung auf Ihrem Schreibtisch zu schaffen. Sie werden rasch erkennen, wie unterschiedlich die Ord­nungs­prinzipien sind. Ob etwas als unordentlich, als chaotisch er­scheint oder nicht, hängt davon ab, ob man die Struktur oder Ordnung erkennt, die dem Ganzen zu Grunde liegt. Diese Erkenntnisfähigkeit hängt natürlich auch davon ab, ob man überhaupt in der Lage ist, komplexe Strukturen zu erkennen. Wenn jemand nur zweidimensional denkt, dann kann er Punkte und Linien auf einer Ebene anordnen. Werden ihm Linien gezeigt, die sich im dreidimensionalen Raum befinden, dann nimmt er nur diejenigen Teile war, die auf seiner Ebene liegen. Das dortige unvollständige Muster erscheint ihm als zufällig, als chaotisch, als unstrukturiert, obgleich es im dreidimensionalen Raum eine einfache Linie ist. Wenn man solche einfachen Strukturen sogar noch dynamisiert und zur dritten Dimension eine Zeitachse hin­zufügt, dann erscheinen zweidimensional denkenden Wesen die Aspekte auf ihrer Ebene als vollständig konfus – denn sie entstehen und vergehen. Sie werden aufgrund ihres schlichten Verstandes den übergeordneten komplexeren Strukturen nur völliges Unverständnis entgegenbringen. Und sie werden niemals in der Lage sein, die tatsächlichen einfachen Strukturen der höheren Dimensionen zu erkennen.

Haben Sie die Ordnung in der obigen letzten Zahlenfolge gefunden? Haben Sie aufgegeben, weil sie kein mathematisches Prinzip gefunden haben, dass die Zahlenfolge generiert. Sie haben Recht, dass es keine mathematische Regel ist. Es ist viel einfacher, die Zahlen wurden alphabetisch sortiert – acht, drei, eins, fünf, usw. Selbst scheinbar verworrene Ansammlungen von Objekten oder Daten sind potentiell strukturierbar. Wir müssen nur das Prinzip der Regelmäßigkeit finden. Ordnung ist letztlich eine Eigenschaft des Beobachters und nicht der Dinge. Wenn jemand eine Ordnung nicht erkennt, dann sagt das etwas über die Fähigkeit des Beobachters aus und nicht über die Wirklichkeit.

Beenden möchte ich die Ausführungen mit einem Zitat, dass man meinem Lieblingsautor Terry Pratchett zuschreibt: „Wenn Chaos auf Ordnung trifft, dann verliert die Ordnung, weil das Chaos besser organisiert ist.“