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Virtuelle Forschung

Der Anästhesist Scott S. Reuben wird sicherlich als einer der erfolgreichsten Betrüger in die Medizingeschichte eingehen – denn er hat es geschafft, 21 gefälschte oder weitgehend frei erfundene Studien zu publizieren. Die in diesem Bereich forschenden Ärzte waren zwar entsetzt, aber so richtig überrascht zeigte man sich nicht. Einige sagten in Interviews sogar, dass sie den Studien sowieso nicht geglaubt hätten, weil sie einfach zu „gut“ waren.

Warum haben wir nicht getäuscht? Warum haben wir uns das nicht getraut? Warum haben wir wochenlang an Studienprotokollen geschrieben, alle Genehmigungen eingeholt, die Studie durchgeführt, ausgewertet und publiziert? Was uns antrieb, war die akademische Karriere und damit die eigene Reputation, die wir natürlich nicht leichtfertig aufs Spiel setzen wollten. Bei allen Studien kam wahrscheinlich manchem der Gedanke, Wege abzukürzen und Arbeit einzusparen. Gleichzeitig mag man sich gefragt haben, warum man bei der Dateneingabe nicht beliebige Daten eingab, die ungefähr passten – gemerkt hätte es sowieso keiner, weil nicht scharf kontrolliert wurde. Auch Graphiken wurden weitgehend frei gestaltet, um die Aufmerksamkeit zu fokussieren. Irgendwann hätte sich auch bei uns der Gedanke entfalten können, doch gleich alles am Computer zu erledigen, sozusagen virtuell – ohne konkrete Patienten zu belästigen oder gar zu gefährden. Solange sich Studienergebnisse und Schlussfolgerungen im Rahmen der üblichen Erwartungen bewegten und nicht sensationell neu waren, würde niemand die Studie wiederholen, denn die Forschungsressourcen sind allgemein viel zu knapp, um solche Studien zu überprüfen.

Glücklicherweise sind fast alle so ehrlich, dass sie Studien nicht völlig frei erfinden. Dass „gewisse“ Probleme „geglättet“ werden, wird in der Forschung als normal angesehen. Es ist zwar streng wissenschaftlich – was immer das heißt – nicht erlaubt, aber übliche Praxis – wie man bei einer Literaturrecherche leicht feststellen kann. Im Forschungsalltag werden Hypothesen nicht aufgestellt, damit sie widerlegt werden können, wie der Philosoph Popper immer von guten Wissenschaftlern gefordert hatte. Hypothesen werden aufgestellt, um sie mit allen Mitteln zu verteidigen. Es wird solange am Studiendesign oder der Ausführung manipuliert, bis genau das erwünschte Ergebnis herauskommt. Kein Pharmaunternehmen könnte es sich auf Dauer leisten, teure Studien durchzuführen, wenn sie nicht zum erwünschten Ergebnis führen – egal wodurch. Und man kann häufig bereits durch das Studiendesign und die Wahl von bestimmten Ein- und Ausschlusskriterien das angestrebte Ergebnis realisieren. Und gerade weil das alles für die Erfahrenen so beherrschbar und vorhersehbar ist, und damit der persönlichen Willkür unterliegt, fragen sich phantasievolle Geister, warum einige Studien überhaupt noch real durchgeführt werden müssen.

Wer das Ärzteblatt mit dem Artikel „Pure Imagination“ gelesen hat, schmunzelte sicherlich über den „Bernie Madoff der Medizin“ [1]. Viel interessanter war aber der Artikel auf der nächsten Seite, in dem die deutschen Schmerzforscher darauf hinwiesen, dass die erfundenen Studien überhaupt keinen Einfluss auf die S3-Leitlinie der Schmerztherapie haben [2]. Das mag die deutschen Schmerzforscher beruhigen, jedoch der Kollege Reuben wird sich maßlos ärgern. Schließlich hat er sich die Mühe gemacht, um mit seinen Studien Einfluss zu nehmen – was ihm nicht gelungen ist. Oder er wollte gar kein Einfluss, sondern andere.

1. Gerste RD (2009) Wissenschaftsbetrug: Pure Imagination. Dtsch Ärztebl 106: A-702
2. Neugebauer E, Becker M, Sauerland S, Laubenthal H (2009) Wissenschaftsbetrug/Gefälschte Studien: Auswirkungen auf die S3-Leitlinie. Dtsch Ärztebl 106: A-703