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Fehler in der zertifizierten Chirurgie

Kürzlich erschien im Irrisch Medical Journal(IMJ) ein Interview über den Umgang mit Fehlern:

IMJ: Herr Prof. Einsicht, Sie äußerten als Präsident der Irrischen Chirurgenvereinigung Ihr Unverständnis über das Eingestehen von Fehlern in der Chirurgie.

Prof. E.: Das stimmt. Ich halte die gegenwärtige, teilweise öffentliche Diskussion über angebliche Fehler in den Krankenhäusern für äußerst irreführend und dem Ansehen der Chirurgie abträglich.

IMJ: Während von allen Beteiligten und besonders von den Vertretern der Patienten der einsichtige und selbstkritische Umgang mit Fehlern begrüßt wird, scheint Ihre Einstellung völlig konträr zu dieser zu sein.

Nun, ich mache keinen Vorwurf, dass die Anderen derartig über angebliche Fehler reden, denn wie sollten sie es auch besser wissen. Die Ärzte sollten allerdings schon bekennen, dass in zertifizierten Krankenhäusern keine Fehler auftreten können. Alle Prozesse sind schließlich bis ins Kleinste reguliert, so dass Unklarheiten, Missverständnisse und sonstige Fehler gar nicht eintreten können. Sie würden bereits im beginnenden Entstehen erkannt und verhindert, so dass sie sich gar nicht auswirken könnten. Höchstens kleine Unregelmäßigkeiten wären denkbar, die allerdings keine wirkliche klinische Relevanz hätten. Die Zertifizierungen der Krankenhäuser haben ja gerade das Ziel, die Qualität der Prozesse zu sichern und von allen individuellen Entscheidungen zu befreien. Fehler können doch nur dann auftreten, wenn ein kreatives Individuum glaubt, vom Pfad der zertifizierten Prozesse abweichen zu dürfen. Wenn das erfolgreich unterbunden wird und sich alle Mitarbeiter an die ausgewählten Prozesse halten, dann sind Fehler undenkbar.

IMJ: Sie gehen also davon aus, dass die Zertifizierungen Fehler nicht zulassen.

Genau das ist der Fall. Alle Kliniken in Irrland sind zertifiziert und funktionieren daher präzise wie ein Uhrwerk. Fehler sind nicht denkbar, weil durch die Prozesssicherheit keine Fehler auftreten können. Sollten sich durch individuelles Fehlverhalten doch einmal geringe Modulationen aufschwingen, dann ist durch jederzeit verfügbare SOP (standardized operating procedures) genau vorgegeben, wie diese beseitigt werden, bevor sie zu manifesten Fehlern werden.

IMJ: Heißt das, dass ein Fehlermanagement nicht erforderlich ist und die Mitarbeiter nicht lernen müssen, mit Fehlern umzugehen?

Wir benötigen tatsächlich kein Fehlermanagement. Die Mitarbeiter werden dazu ausgebildet, die Prozesse präzise umzusetzen. Als Arbeitsgrundsatz gilt, dass Fehler nicht auftreten dürfen. Ein wiederholtes Denken an Fehler würde nur die rasche Erledigung der Arbeit verhindern.

IMJ: Gut, nehmen wir dennoch einmal den äußerst seltenen Fall an, dass Störungen auftreten. Wie gehen Sie damit um?

Dafür haben wir in jedem Krankenhaus ein ausgefeiltes Qualitätsmanagement, das alle Abläufe regelmäßig überprüft und selbst auf kleinste Störungen untersucht. Sollten hier Probleme auftauchen, wird ein interner Kontrollmechanismus ausgelöst, der die Problemfelder im Detail untersucht. Diese Untersuchung ist naturgemäß sehr träge, weil erst viele Monate, meistens sogar Jahre, vergehen, bevor sich Modulationen als tatsächliche Problemfelder zu erkennen geben. Sollten diese dann als gewiss gelten, sucht die einzusetzende Untersuchungskommission auch nicht mehr nach Lösungen. Es hat sich nämlich bei früheren Untersuchungen herausgestellt, dass sich in der Zwischenzeit die untersuchten Prozesse soweit wandeln, dass Lösungen basierend auf alten Problemen gar keinen Adressaten mehr fänden. Deshalb hat solch ein Qualitätsmanagement auch keine tatsächliche Auswirkung auf die Qualität, sondern wirkt primär beruhigend.

IMJ: Sind Problemfelder nicht Fehler?

Nein. Die Kontrollinstitutionen sind nicht dazu gedacht, Fehler zu finden, weil es eben keine Fehler gibt. Und selbst wenn jemand einmal behaupten würde, dass ein Fehler gemacht worden ist, dann müsste als erstes grundsätzlich geklärt werden, wer überhaupt fundiert behaupten darf, dass es tatsächlich ein Fehler war und wer ihn begangen haben könnte. In fast allen bekannten Fällen wurde nach sorgfältiger Überprüfung zugestanden, dass es einen einzigen Ursprung oder Verantwortlichen gar nicht gegeben hat und ein tatsächlicher Fehler überhaupt nicht vorlag.

IMJ: Werden nicht doch Fehler zugegeben?

Hier haben wir das Problem, dass Laien die Handlungen und Prozesse in einem Krankenhaus beurteilen, was sie aufgrund mangelnden Verständnisses eigentlich gar nicht können. Manches stellt sich dem Außenstehenden als sonderbar und unverständlich dar, weil sie es mit Prozessen aus ihrem eigenen Berufsfeld vergleichen. Nur unter diesem falschen Blickwinkel erscheinen manche Ereignisse als Fehler, obgleich es keine sind. Diese Irrungen des Laien sind manchmal so ausgeprägt, dass es nicht gelingt, die Wahrheit ans Licht zu bringen und ausreichend verständlich zu machen. In diesen Fällen wird sorgfältig abgewogen, ob es nicht sinnvoller ist und dem Ruf des Hauses weniger schadet, wenn man einen Fehler zugibt, den es in Wirklichkeit nicht gegeben hat“.

Dieses Interview erinnert an Kafka – Das Schloss – Kapitel 5.