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Platons Höhlengleichnis

Der Eklat war voraussehbar. Es war nur eine Frage der Zeit. Allerdings hätte keiner vermutet, dass es jemand wagen würde, auf solch einer Festveranstaltung dem Redner in die Parade zu fahren. Was war geschehen? Auf einer der üblichen jährlichen Veranstaltungen hielt ein Kollege eine Rede. Das vorgegebene Thema war so allgemein, dass es auch bei der jährlichen Veranstaltung der Bäcker oder der Computerhacker hätte gehalten werden können. Diese thematische Freiheit ist gewollt und wird in der Regel genutzt, damit der Redner seine persönlichen Ansichten und Erfahrungen vortragen kann. Sollte das Thema einmal doch enger gefasst werden, ist es üblich, sich dennoch nicht daran zu halten.

Die Aufforderung, einen Festvortrag zu halten, wird von allen Kollegen dankend angenommen, denn wann sonst kann man vor 500 geschätzten Kollegen seine privaten Ansichten präsentieren. Diese Ehre erfahren sonst nur berühmte Persönlichkeiten oder Politiker. Also schüttet man sein Herz aus. Soweit so gut. Aber wenn man solch eine Rede heutzutage auf einem wissenschaftlichen Kongress hält – und eben nicht bei den Bäckern –, dann müsste man das – wenn auch sehr geringe – Risiko berücksichtigen, dass jemand aufsteht und eine falsche Behauptung kritisiert. Im Zeitalter der evidenzbasierten Medizin kann man heute nicht einfach behaupten, was man will oder was man aus persönlichen Gründen für besser hält. Es ist erforderlich, dass man im Zweifel die best-verfügbaren Gründe für seine Meinung darlegt. Und wenn die eigene Meinung auf wackeligen Füßen steht und die Alternative wissenschaftlich eindeutig besser fundiert ist, dann ist es nur noch eine Frage des Mutes, aufzustehen und den Festredner zur Rede zu stellen.

Das Bedauerliche bei solch einem Eklat ist nur, dass natürlich der Festredner in Schutz genommen wird, weil ihm die Ehre der freien Meinungsäußerung garantiert war. Dem mutig Aufbegehrenden hätte von vornherein klar sein dürfen, dass er in dem Moment an Ansehen verliert, als er sich kritisch zu Wort meldete. Gegen die Etikette zu verstoßen, zählt in diesen Situationen mehr, als Recht zu haben. Zumal auch in der Kürze der Zeit keine ausführliche Begründung der Ansichten möglich ist. Der Mutige erleidet hier das Schicksal des erkennenden Weisen, wie er im Höhlengleichnis bei Platon beschrieben ist (Platon. Der Staat. 514Aff).

Das Gleichnis ist sehr aufschlussreich und soll deshalb skizziert werden: Stellen Sie sich vor, dass alle Menschen in einem überdimensionalen Kino sitzen. Sie sind fest angeschnallt, so dass sie nur auf die Leinwand blicken können. Hinter den Sitzreihen ist ein lichtstarker Projektor, der die Leinwand erhellt. Zwischen dem Projektor und dem Rücken der Menschen ist ein Durchgang, den andere Wesen dazu verwenden, Gegenstände durch den Saal zu tragen. Dabei entstehen Schatten auf der Leinwand und natürlich auch Geräusche. Da die Menschen zeitlebens festgeschnallt sind und nur geradeaus blicken können, sehen die Menschen nur die Schatten, die sie für die tatsächlichen Gegenstände halten. Sie leben quasi in einer Welt der Schatten und geben sich damit zufrieden. Nehmen wir nun an, dass jemand sehr neugierig ist und sich mit aller Kraft aus dem Sitz befreien kann. Was wird geschehen, wenn er sich umdreht? Er wird zunächst durch den Projektor sehr stark geblendet sein. Der Blendungsschmerz mag so stark sein, dass er sich wieder hinsetzt und seiner Neugierde nicht weiter nachgeht – was die anderen mit „Siehst Du, das hätten wir Dir gleich sagen können“ quittieren werden. Nehmen wir aber weiter an, dass der Neugierige den Schmerz aushält, bis sich die Augen adaptiert haben. Er wird nun die tatsächlichen dreidimensionalen Gegenstände erkennen. Er wird erstmalig farbig sehen und die Schatten als Schein entlarven. Er erkennt nun erstmalig den Unterschied zwischen Sein und Schein. Wenn dieser Erkennende nun wieder seinen ursprünglichen Platz unter den Menschen einnimmt, kann er sich introvertiert an seinen neuen Erkenntnissen laben oder den anderen mitteilen, was er erfahren hat. Er wird versuchen, andere davon zu überzeugen, dass sie nur in einer Welt des Schattens leben. Er wird voller Begeisterung über die farbige Wirklichkeit berichten und sie auffordern, sich ebenfalls loszureißen und die Wirklichkeit selbst zu erfahren. Es ist aber unwahrscheinlich, dass dieser missionarische Eifer belohnt wird und ihm die anderen zuhören. Es ist wahrscheinlicher, dass sie ihn als Spinner oder als Phantasten ansehen.

Auch in unserer heutigen Zeit scheitern die „besser wissenden“ Spezialisten häufig daran, ihre Kenntnisse so mitzuteilen, dass sie andere überzeugen. Die jahrzehntelange Diskussion über die Prinzipien der evidenzbasierten Medizin ist ein aktuelles Beispiel. Wenn bei Diskussionen auf wissenschaftlichen Kongressen Probleme der Methodologie oder klinischen Epidemiologie angesprochen werden, offenbaren viele Ärzte ihre Naivität im Umgang mit „pseudowissenschaftlichen“ Daten. Man sollte erwarten, dass in ernsthaften kritischen Diskussionen diese Prinzipien allgemein akzeptiert werden, ohne ihre deutlichen Grenzen und bekannten Schwächen zu leugnen. Es ist nur zu hoffen, dass immer mehr Kollegen den Mut aufbringen, sich dem Licht zuzuwenden und den Schein vieler geläufiger Behauptungen zu entlarven. Grundlegende methodologische Kenntnisse sind heute genauso wichtig wie Kenntnisse in Anatomie und Physiologie.

Es scheint manchmal, als wären ernsthafte kritische Auseinandersetzungen auf Kongressen unerwünscht. Nicht weil alle borniert sind sondern weil einfach keine Zeit eingeräumt wird, die Argumente gewissenhaft und fundiert auszutauschen und sorgfältig abzuwägen. Die Verantwortlichen sollten sich daher fragen lassen, wo überhaupt eine fruchtbare und transparente Diskussion stattfinden soll, wenn nicht auf unseren wissenschaftlichen Kongressen.