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Dualistische Chirurgie

Sind Sie Dualist? Glauben Sie daran, dass materielle und geistige Objekte selbständig existieren? Gibt es Geist/Seele und Materie? Oder sind Sie ein moderner Naturwissenschaftler, der daran glaubt, dass lediglich materielle Gegenstände existieren? In der Antike und Mittelalter war die Welt noch in Ordnung, und eine Trennung zwischen Leib und Seele oder Geist und Materie wäre rein akademisch gewesen. Wir verdanken die strikte Trennung von Leib und Seele dem großen Mathematiker und Skeptiker Rene Descartes. Er teilte die Welt in zwei Bereiche ein. Die ausgedehnten Gegenstände (res extensa) waren die physikalisch nachweisbaren, teilbaren Objekte, die wir messen können. Die geistigen Gegenstände (res cogitans) waren dagegen unteilbar und mit bestimmten Eigenschaften ausgestattet, die nur jeder Einzelne subjektiv erfahren konnte. Die materiellen Gegenstände sind unproblematisch. Niemand wird ihre Existenz leugnen. Aber gibt es so etwas wie mentale Zustände, die unabhängig von Materie existieren können? Gibt es so etwas wie Bewusstsein, Schmerzgefühle oder Eifersucht losgelöst vom Gehirn? Oder sind wir bereit, die Objekte auf ihre neuronale Komposition zu reduzieren? Ist Eifersucht mehr als das Orchester bestimmter Neuronenverbände in meinem Kopf? Gegenwärtige werden Hunderte von Büchern über diese Probleme geschrieben, ohne dass man sich auf gute Antworten einigen kann. Wer immer sich als Dualist sieht, der sollte zumindest die Frage beantworten, wie es den geistigen Zuständen gelingt, auf materielle Objekte einzuwirken.

Warum sollte dieses Thema auch für Chirurgen interessant sein? Lesen Sie freundlicherweise die Metaanalyse der Cochrane Collaboration über den Erfolg des Betens in der Behandlung kritisch Kranker [1]. Ausgewertet wurden zehn randomisierte Studien mit 7646 Patienten. Bezüglich des Zielkriteriums Mortalität fand sich immerhin ein relatives Risiko von 0,77 (KI 0,5 bis 1,16), was zum Glück nicht signifikant war. Insgesamt konnte in den anderen Zielkriterien ebenfalls kein eindeutiger Vorteil des Betens nachgewiesen werden, was für Atheisten nicht überraschend sein dürfte. In der Schlussfolgerung des Reviews heißt es, dass aufgrund der Daten keine Empfehlung abgegeben werden kann: Weder für noch gegen das Beten. Es lebe die Metaanalyse! Warum? Weil wir uns gar keine Gedanken mehr machen müssen, wie ein Effekt zustande gekommen sein könnte. Glücklicherweise ist der Effekt aber nicht nachgewiesen worden. Stellen Sie sich vor, er wäre signifikant gewesen – was in einzelnen Studien tatsächlich der Fall war. Dann hätten wir in Zukunft damit rechnen müssen, dass die privaten Klinikbetreiber Klöster aufkaufen, um sich diesen Einfluss zu sichern. Es hätten sich damit für die Kirche ganz neue Einnahmequellen und neue Berufsbilder erschlossen. Allerdings bliebe die Erklärungsnot für alle Materialisten, die nicht daran glauben, dass eine übernatürliche Kraft die Krankheit beeinflusst. 

1. Roberts L, Ahmed I, Hall S, Davison A (2009) Intercessory prayer for the alleviation of ill health. Cochrane Database Syst Rev, Apr 15; 2: CD000368