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Marx als Detektiv

Marxismus für Mediziner (MfM) könnte ein wichtiger Bestandteil der medizinischen Ausbildung werden, weil er den angehenden Arzt in die Grundlagen der politischen Öko- nomie einführen würde. MfM wäre aber zweischneidig, weil zumindest einige Lehrstuhlinhaber darauf verweisen würden, dass der Marxismus als politische Theorie gescheitert ist, und weil die moderne Theorie der Marktwirtschaft eher mit dem Begriff des „Grenznutzens“ arbeitet als mit dem des Mehrwertes. Nichtsdestotrotz kann man einiges von Marx lernen. Wer sorgfältig das erste Buch des Kapitals studiert, bekommt unter anderem einen Einblick in den Kreislauf des Geldes. Vereinfacht gesagt, wird das Geldkapital G investiert, um eine Ware W zu produzieren. Dazu werden Arbeit A und Produktionsmittel Pm verwendet. Die Ware W wird dann wieder in Geld G’ getauscht. Der Kreislauf ist einfach zu beschreiben: [G -> W (A, Pm) -> G’].

 

Ein Geschäftsmann wird unter diesen Bedingungen nur dann etwas produzieren, wenn er einen Gewinn erwirtschaften kann. Er möchte am Ende mehr Geld erhalten, als er investiert hat. Diesen Profit kann er aber nur generieren, wenn er nicht nur W produziert, sondern eine „bessere“ Ware W’, die er für mehr Geld G’ eintauschen kann.

 

Das gelingt dem Geschäftsmann, indem er einen unbezahlten Mehrwert generiert. Wenn er den Arbeitern nämlich weniger bezahlt, als sie tatsächlich produzieren, generiert er den Mehrwert, der den Wert der Ware W‘ erhöht. Schematisch stellen wir das so dar: [G -> W (A, Pm) -> W’ (A, Pm, M) -> G‘]. In diesem Schema wird der Mehrwert M besser sichtbar.

 

Es scheint als ob wir im Krankenhaus systematisch Mehrwerte vernichten. Was kann man als Krankenhausarzt aus diesen Kenntnissen lernen? Wenn wir hier Marx Denken umsetzen wollen, dann stellen wir überraschend fest, dass wir anscheinend in einem „negativen“ Kapitalismus arbeiten. Es scheint, als ob wir nämlich keinen Mehrwert generieren, sondern einen Wenigerwert. Oder anders gesagt: es scheint, als ob wir systematisch Mehrwerte vernichten.

 

Um das zu verstehen, betrachten wir unsere Produktionsbedingungen im Krankenhaus. Wir erhalten eine bestimmte Menge an Geld G für eine definierte DRG, beispielsweise die G03B. Sie wird gegenwärtig mit 4,498 bewertet; bei einem Basisfallwert von zirka 2800 Euro sind das rund 12 600 Euro. Dieses Geld investieren wir in den nächsten Patienten mit einem fortgeschrittenen Magenkarzinom, der operiert werden muss. Bei einem normalen Verlauf fällt auch dieser Patient in die DRG G03B, so dass die Kosten gedeckt zu sein scheinen. Unglücklicherweise sind die Arbeitskosten für die Produktion der Ware W’ (G03B) aber gestiegen. Wir haben deutlich erhöhte Kosten für das ärztliche Personal – dank Marburger Bund – und auch höhere Sachkosten. Folg- lich müsste der Wert der Ware steigen. Aber der Tauschwert steigt nicht, denn die Krankenkassen zahlen weiterhin dasselbe, nämlich nur G. Es war allen Beteiligten seit Jahrzehnten bekannt, dass die Ärzte einen ungeheuren Mehrwert leisten.

 

Wie können wir das mit Marx interpretieren? Wir müssen akzeptieren, dass wir weniger Mehrwert mit der DRG G03B geschaffen haben. Die vorher unbezahlte Arbeit, was schließlich dem Mehrwert entspricht, ist jetzt weniger geworden. Wir geben jetzt mehr Geld für bezahlte Arbeit A und Produktionsmittel Pm aus und generieren weniger Mehrwert. Als Ärzte sehen wir das gelassen, denn wir haben in den letzten Jahrzehnten einen massiven Mehrwert erarbeitet. Wir haben viele Stunden umsonst gearbeitet. Dieser Mehrwert wird jetzt mit der besseren Bezahlung weniger. Wir werden jetzt adäquater bezahlt, so dass wir weniger Mehrwert produzieren. Der Profit sinkt dadurch.

 

Da das Gesundheitssystem nicht marktwirtschaftlichen Regeln unterliegt, kann das Krankenhaus die höheren Kosten nicht durch höhere Preise abfangen, um den Profit gleich hoch zu halten. Es war allen Beteiligten seit Jahrzehnten bekannt, dass die Ärzte einen ungeheuren Mehrwert leisten. Da in unserem Wirtschaftssystem diese unbezahlte Mehrarbeit als Profit abgeschöpft wird, fragt man sich, wer früher der große Profiteur war. Wer hat denn in den letzten Jahren diesen Profit genutzt? Wer leidet jetzt an Not, weil er diesen Profit nicht mehr erhält? Hier ist Marx als Detektiv gefragt. Allerdings kann man die Antwort auch selbst finden, wenn man ein bisschen nachdenkt.