A+ R A-

Chirurgie und Medien

Gegenwärtig scheinen alle Krankenhäuser aufgrund hoher fester Ausgaben ihr monetäres Heil in einer Leistungssteigerung zu suchen. Die höheren Einnahmen sollen neben einer weiteren Ef zienzsteigerung die schlechte nanzielle Lage ausgleichen. Von manchen Geschäftsführern werden moderate drei Prozent Steigerung angestrebt, ganz forsche fordern von den Chefärzten eine Steigerung von zehn Prozent. Dabei interessiert es offensichtlich keinen so richtig, woher die Patienten kommen sollen. Werden Indikationen ausgeweitet, werden neue behandlungsbedürftige Krankheiten entdeckt oder wird alles auf das zunehmende Alter der Menschen geschoben?

 

Eine kürzliche Fallbeschreibung in der Irrisch Medical Tribune könnte hinweisend sein: „Es war einmal ein 65jähri- ger Patient mit Hämorrhoiden dritten Grades, die er seit zehn Jahren problemlos nach dem Stuhlgang reponierte. Als selbständiger Besitzer eines Sportstudios war er frisch ins Rentenalter eingetreten, als ihm ein guter Freund vorschlug, sich von der Analfixierung zu trennen und die Hämorrhoiden wegstapeln zu lassen. Aufgeklärt und überzeugt von der guten Methode suchte er die erste Klinik auf, die die Hämorrhoiden nach Longo entfernten. Danach klagte der Patient über starke Schmerzen beim Stuhlgang, die in das Skrotum ausstrahlten, und über einen häufigen Defäkationsdrang, ohne dass sich etwas entleerte. Nach einigen Monaten sah er im Fernsehen einen Bericht über ein modernes Beckenbodenzentrum im Zentrum der Stadt. Hier wurde er mit seinen Beschwerden vorstellig. Dort wurden eine unauffällige Defäkographie mit Divertikulose und eine Hämorrhoide bei sieben Uhr in Steinschnittlage nachgewiesen. Die Hämorrhoide wurde nach Milligan-Morgan entfernt.
 
Da die Beschwerden weiterhin bestanden, wurde er nach einigen weiteren quälenden Monaten auf einen aktuellen Fernsehbericht über eine dritten Klinik aufmerksam. Er war vom Chefarzt so fasziniert, dass er sich dort rasch einen Termin geben ließ. Dort wurde erstmalig festgestellt, dass der Stapler zu tief appliziert worden war und er an einem obstruktiven Defäkationssyndrom mit chronischen Analschmerzen leide. Man entfernte partiell die Klammern und auch einige Marisken. Danach waren die Beschwerden aber nicht besser.
In einem weiteren Fernsehbericht wurde er nach acht Wochen auf eine vierte Klinik aufmerksam, auf die er alle seine Hoffnungen setzte. Als er diese Klinik wieder verließ, war eine laparoskopische Sigmaresektion und Rektopexie nach Frykman-Goldberg wegen einer chronischen Obstipation mit kombiniertem Beckenbodensenkungssyndrom und proktogener Entleerungsstörung durchgeführt worden. Die Beschwerden hatten sich aber auch nach dieser Operation nicht gebessert, so dass eine erneute Defäkographie durchgeführt wurde, die regelrechte Verhältnisse zeigte. Zwischen den Operationen wurde er depressiv, weil er immer wieder über die Schmerzen und den häufigen Stuhldrang klagte. Er wurde psychiatrisch untersucht und eine Anpassungsstörung diagnostiziert. Beim Besuch in einer fünften Klinik wurde die zu tiefe Stapler-Applikation bestätigt und eine kleine, sehr druckdolente Raumforderung neben der Prostata endosonographisch gesichert. Die entzündliche Raumforderung wurde operativ entfernt. Die Schmerzen sind deutlich weniger geworden, aber der Defäkationsdrang blieb bestehen.“ 
 
Man kann gespannt sein, was sich wohl die sechste Klinik ausdenkt, um den Patienten stationär zu behandeln.