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Schneider oder Aufschneider

Wieder finden wir einen interessanten Artikel in der Irrisch Medical Tribune. Hier berichtete ein irrischer Chirurg über die Erfahrungen seinen Freundes Smith, der in seinem Heimatland „Schwedden“ wegen eines Sigmakarzinoms behandelt worden war.

 

Der irrische Chirurg war in einem begleitenden Editorial sehr besorgt, weil viele irrische Chirurgen der perioperativen Medizin so wenig Bedeutung widmen. Er empfahl deshalb, den Bericht von Smith sehr sorgfältig zu lesen: „Ich hatte Blut im Stuhl und suchte einen Hausarzt auf, der mich sofort zum Gastroenterologen überwies. Dieser fand bei der Koloskopie ein Sigmakarzinom, worauf ich zum Onkologen in die Klinik eingewiesen wurde. Die Onkologin erklärte mir das Krankheitsbild und das weitere Vorgehen. Nach einigen Voruntersuchungen teilte sie mir mit, dass eine Operation erforderlich sei. Ich fragte, ob mein Fall in der Tumorkonferenz besprochen worden war. Die Onkologin lächelte und sagte, dass Tumorkonferenzen bereits vor zehn Jahren abgeschafft wurden, weil die Therapien mittlerweile hochgradig standardisiert seien. Die anderen Disziplinen, die früher im Tumor-Board anwesend gewesen waren, kannten sich nicht mit den modernen onkologischen Behandlungsverfahren aus und folgten damals immer der Meinung der Onkologen. Um Zeit und Geld zu sparen, wurden die Tumorkonferenzen abgeschafft und alle Entscheidungen gleich dem Onkologen überlassen. 
 
Die Onkologin überwies mich dann folgerichtig in das operative Zentrum. Hier traf ich auf eine Anästhesistin, die mir die Narkose und Operation erklärte und einen Termin zur Operation vereinbarte. Als ich nach einem Chirurgen fragte, musste sie herzlich lachen. Sie erklärte mir, dass man die Chirurgen schon seit über zehn Jahren abgeschafft hatte. Auf meine Warum-Frage antwortete sie: „Vor 25 Jahren entwickelte sich langsam ein Chirurgenmangel, weil sich niemand mehr für den Beruf interessierte. Aufgrund des Mangels und der vielen Arbeit forderten die Chirurgen immer mehr Geld. Vor 15 Jahren begannen einige andere Ärzte, die Forderungen der Chirurgen zu hinterfragen. Man begann zu untersuchen, was sie eigentlich so machten. Dabei wurde Überraschendes zu Tage gefördert, denn außer Operieren hatten sie de facto nichts mehr getan. Für die Indikationsstellung fühlten sie sich nicht mehr verantwortlich, weil alles standardisiert war. Bei onkologischen Fragestellungen verwiesen die Chirurgen auf die Onkologen, weil sie sich nicht auskannten. Zur präoperativen Risikoabklärung schickten sie die Patienten zu uns Anästhesisten, weil sie die einfachsten pathophysiologischen Zusammenhänge nicht kannten. Nach der Operation verlegten sie die Patienten auf Überwachungstationen, für die die Intensivmediziner verantwortlich waren. Die akute Schmerztherapie überließen sie uns ebenfalls. Die Nachbehandlung drückten sie Wundschwestern, Stomatherapeuten und den Hausärzten auf. Letztlich waren die Chirurgen so degeneriert, dass sie überhaupt keinen medizinischen Sachverstand mehr aufwiesen, sondern lediglich einem einfachen Handwerk nachgingen. 
 
Nachdem das offensichtlich geworden war, fragte man erfahrene chirurgisch-technische Assistenten (CTA), die immerhin eine dreijährige Ausbildung hinter sich hatten, ob sie nicht operieren wollten. Die Eingriffe wurden in Organgruppen eingeteilt und von diesem Zeitpunkt von CTAs übernommen, die sich jeweils einer Organgruppe widmeten. Nach einer fünfjährigen Evaluationsphase konnte in vielen Studien eindeutig nachgewiesen werden, dass die Operationsergebnisse der CTAs nicht schlechter, sondern eher besser waren. Das war auch nicht verwunderlich, weil man dazu kaum noch operatives Geschick benötigte. Klemmen und Ligaturen wurden zugunsten neuer Techniken abgeschafft, die Gewebe versiegeln und durchtrennen. Nähapparate und Klammernahtinstrumente hatten auch die Rekonstruktion deutlich vereinfacht, so dass die Operationen immer leichter von CTAs beherrschbar wurden. Selbstverständlich verlangten die CTAs auch deutlich weniger Geld. Auch Sie werden von einer CTA operiert, die sich auf kolorektale Operationen spezialisiert hat. Sie hat bisher viele Hunderte dieser Operationen durchgeführt und gilt als sehr erfahren. Natürlich haben wir auch CTAs für Magen, Leber und andere Organgruppen verfügbar, so dass wir für alle Probleme im Operationssaal gerüstet sind.“
Diese Ausführungen hatten mich sehr beruhigt und zugleich neugierig gemacht, was geschehen würde, wenn eine Operation erforderlich würde, die von den CTAs nicht zu bewältigen wäre. Die Anästhesistin wies darauf hin, dass es dafür in jeder Millionenstadt einen Master Surgeon gäbe, der dann zur Hilfe gerufen würde. – Da diese aber langsam aussterben, müssten die CTAs in Zukunft solche Probleme allein lösen. – Beruhigt ging ich nach Haus und bereitete mich auf die Operation vor. 
 
Am Operationstag wurde ich freundlich im operativen Zentrum empfangen. Dort traf ich meine Anästhesistin wieder, die auch die Narkose überwachte. Nach der Operation wachte ich auf der Überwachungsstation auf, wo sich die Anästhesistin wiederum um mich kümmerte. Sie behandelte mich täglich, bis ich nach sieben Tagen entlassen wurde. Danach wurde ich wieder zur Onkologin überwiesen, weil man einige Lymphknotenmetastasen fand. Auch wenn es irgendwie schade ist, dass es die Chirurgen als Berufsgruppe nicht mehr gibt, habe ich sie nicht vermisst – schließlich hat sich die Anästhesistin um mich gekümmert.“