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Aleatorische Chirurgie

Zu einem meiner Lieblingswörter könnte Aleatorik werden. Aleatorische Chirurgie klingt irgendwie fremd, aber auch interessant und sollte uns neugierig machen. Möglicherweise haben Sie schon einmal etwas über aleatorische Verträge gehört, die gemeinhin als Glücksverträge bekannt sind. Der Ausspruch von Cäsar beim Überschreiten des Rubicon ist Ihnen sicherlich geläufig. Er soll gesagt haben: Alea jacta est. Es ging um Würfel, die geworfen worden sind. Rien ne vas plus. Alea hießen die Würfel und Aleator der Spieler. Das Adjektiv „aleatorisch“ können wir gut mit „zufällig“ übersetzen.

 
Aleatorische Verträge sind Verträge, die sich auf Zukünftiges beziehen, deren Ausgang ungewiss ist wie bei einer Wette, Lebensversicherung oder Operation. Wenn jemand eine Risikolebensversicherung abschließen will, dann wissen die Beteiligten auch nicht im Vorfeld, ob derjenige innerhalb des versicherten Zeitrahmens stirbt. Wenn die Versicherung es sicher wüsste, dann würde sie keinen Vertrag mit dem Kunden abschließen. Die Wirksamkeit oder Erfüllung solcher Verträge hängt vom Zufall oder einem ungewissen Ereignis ab. 
 
Und damit sind wir wieder bei der Chirurgie: Auch wir hoffen vor jeder Operation, dass wir alles getan haben, um erfolgreich zu sein. Aber wir können das Ergebnis nicht sicher vorhersagen. Wir schulden dem Patienten auch keinen Erfolg, sondern wir schließen mit dem Patienten einen Dienstvertrag. Wir verpflichten uns, eine definierte qualifizierte Dienstleistung zu erbringen – und der Rest ist ein reines Glücksspiel, auf das wir wetten können. Natürlich werden Sie als guter Chirurg solch ein Ansinnen ablehnen und auch behaupten, dass es nicht vom Zufall, sondern von Risikofaktoren und der chirurgischen Fähigkeit abhängt, ob eine Komplikation eintritt oder nicht. 
 
Außerdem verfügt jeder Chirurg über ein reichhaltiges Armamentarium von speziellen Techniken, um erfolgreich zu sein. Darunter sind sehr viele Rituale, die sich im klinischen Alltag bewährt haben und dem Zufall kaum eine Chance geben: Reinigen des Darmes, Hungern und Dursten vor der Operation, Abkühlen im Operationssaal, Entfernen von Haaren und ausgiebiges Desinfizieren des Operationsgebietes, Abkleben, scharfes Durchtrennen des Gewebes, ausgiebiges Spülen der Wunde mit „speziellen Lösungen“ etc. Diese Rituale rufen kleine Dienstgeister herbei, die den Zufall im Griff haben. Dadurch dass wir die Rituale zelebrieren, zähmen diese Kräfte den Zufall, so dass das unerwünschte Ereignis nicht eintreffen wird.
 
Welche plausible Erklärung können wir angeben, wenn trotz des Rituals eine unerwünschte Komplikation eintritt? Solche Rituale haben sich in der Vergangenheit bewährt und deshalb werden sie auch weiterhin landauf und landab durchgeführt – egal, ob ihre Wirksamkeit in Studien belegt werden konnte oder nicht. Welche plausible Erklärung können wir angeben, wenn trotz des Rituals eine uner- wünschte Komplikation eintritt, die eigentlich durch das Ritual hätte vermieden werden sollen? Welche guten Argumente bleiben uns, um den Effekt des Rituals weiter vertreten zu können, ohne dass wir als bornierte Ignoranten dastehen?
 
Wir könnten zum Beispiel behaupten, dass das Ritual nicht exakt in allen Details eingehalten wurde, so dass sein protektiver Effekt nicht greifen konnte. Ein Ritual ist schließlich eine formelle Handlungsanweisung, die ihren Einfluss nur dann mit aller Kraft entfalten kann, wenn sie bis ins Detail eingehalten wurde. Wenn zum Beispiel die Verdünnung einer Spüllösung nicht exakt den Vorgaben entspricht, dann kann sie nicht wirken. Wenn der Darm nicht vollständig sauber gespült war, dann musste nach einer kolorektalen Resektion eine Wundheilungsstörung auftreten.
 
Nehmen wir aber an, das Ritual wurde eingehalten und dennoch tritt die Komplikation ein. Wie erklären wir nun die Komplikation? Es bleibt nur eine Erklärung: Beim Ritual war ein Ungläubiger anwesend, so dass die Kräfte sich nicht entfalten konnten.