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Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Was zeichnet unsere heutige arbeitsteilige Welt aus? Es sind Spezialisten und Fachkräfte. Wenn wir mit unserem defekten BMW in die Werkstatt fahren, dann erwarten wir, dass der Schaden von Fachkräften behoben wird, die mit komplexen Geräten ausgestattet rasch den Fehler finden und ihn fachgerecht beseitigen. Wir wären nur dann bereit, Tätigkeiten auch von Laien oder Hilfskräften durchführen zu lassen, wenn sie sehr fehlertolerant sind und wenn eintretende Fehler leicht erkannt und wieder vollständig beseitigt werden können. 

 
Manchmal sind wir gezwungen, Laien zu akzeptieren: Wenn wir zum Beispiel zu wenig Geld haben, einen Fachmann zu bezahlen. Und dann hoffen wir, dass es dennoch gut geht. Im Krankenhaus würden wir nicht tolerieren, dass die Behandlungen federführend von Laien durchgeführt werden. Wir fühlen uns als Ärzte verpflichtet, einen hohen medizinischen Standard zu gewährleisten – wobei es in der konkreten Situation gleichgültig ist, welcher Arzt die Therapie tatsächlich durchführt.
 
Im Krankenhaus wimmelt es nur so von kompetenten Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen. Als Spezialist ist man häufig in seinem eigenen Fachgebiet so gefangen, dass einem die revolutionären Neuerungen anderer Bereiche entgehen – zumal es kaum noch jemanden geben dürfte, der für sich beanspruchen wird, einen größeren Bereich der Medizin wirklich kompetent zu überblicken. Deshalb ist ein kluger Kopf immer bestrebt, an dem Wissen anderer Kollegen zu partizipieren und ihre Fähigkeiten auch zur Behandlung seiner eigenen Patienten einzusetzen.
 
Die kollegiale interdisziplinäre Zusammenarbeit ist für den Erfolg in den heutigen Krankenhäusern eine conditio sine qua non. Sie ist manchmal allerdings nicht ganz einfach. Das liegt aber weniger an der erforderlichen arbeitsteiligen Situation als an den beteiligten Persönlichkeiten. Wie in jedem anderen Betrieb treten Animositäten und Reibungsverluste zwischen den Beteiligten auch im Krankenhaus auf. Wenn dabei auch noch unterschiedliche Interessen aufeinanderstoßen und man um dieselben knappen Ressourcen buhlt, dann sind Konflikte unvermeidlich. Allerdings sollten diese unbedingt kollegial gelöst werden, denn man wird nach der Lösung des aktuellen Konfliktes auch weiterhin mit denselben Kollegen zusammenarbeiten. 
 
Je schwieriger die Bedingungen der Zusammenarbeit werden, umso wichtiger ist der kollegiale und freundliche Umgang. Jede emotionale Eskalation verhindert nicht nur konstruktive Kompromisse, sondern erschwert auch die zukünftige Zusammenarbeit. Wenn die Beteiligten sich wie kleine absolutistische Herrscher aufführen, deren Handeln mehr von Machtbestreben und Egoismen denn von Zusammenarbeit geprägt ist, dann ist die dauerhafte Konfrontation mit erheblichen Verwerfungen die logische Folge. Kompromisse, so sauer sie auch manchmal aufstoßen mögen, sind immer noch besser als jahrelange Grabenkriege. 
 
Nämlich dem klassischen Chirurgen, der die Intensivmedizin, Sonographie und Endoskopie genauso beherrschte wie die Gefäß-, Viszeral- und Unfallchirurgie. Es soll sie gegeben haben – wird gemunkelt. Gesehen hat sie noch keiner! Dieser Chirurgentyp scheint heute genauso real wie der Yeti. Diese genialen Chirurgen – meistens waren es nur Chef- und Oberärzte – konnten alles besser und waren weder auf das Wissen noch auf die Fertigkeiten anderer Disziplinen angewiesen. Komplexe sonographische Punktionen meisterten sie damals genauso souverän wie endoskopische Mukosektomien oder Beatmungstechniken auf der Intensivstation. Der Tag wurde mit einer schnellen Karotisdesobliteration begonnen und mit einer Pankreasresektion beendet. So war das früher – im historischen Gedächtnis der Altvorderen.
 
Die Qualitätsanforderungen der einzelnen Disziplinen sind damit nicht zu bedienen, denn heute werden hochspezialisierte Leistungen und Fähigkeiten verlangt. Sollten zum Beispiel Chirurgen ernsthaft erwägen die Sonographie, Endoskopie oder Intensivmedizin zurückzuerobern, dann wird das nur durch chirurgische Mitarbeiter gelingen, die sich diesen Anforderungen besonders widmen. Aber warum müssen das dann Chirurgen sein? Ist ein Radiologe, Internist oder Anästhesist per se ungeeignet? Warum?
 
Will man alles der Chirurgie unterordnen, weil man sich der Kommunikation mit anderen Disziplinen verweigert? Gute Chirurgen sollten sich auch durch gute Kommunikationsfähigkeiten auszeichnen. Sie sollten sich selbst weniger am eigenen Selbstbewusstsein messen als an ihren tatsächlichen Fähigkeiten. Theoretisch kann jeder viel und im Nachhinein ist jeder klüger. Wer aber am Patientenbett steht und die richtige Entscheidung in schwierigen Situationen treffen muss, der sollte entweder sehr kompetent sein oder sich an kompetente Kollegen wenden. Persönlich habe ich noch nie erlebt, dass kompetentere Kollegen ihre Hilfe verweigerten. Ganz im Gegenteil: Sie waren erfreut, dass sie helfen konnten.