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Pro- und Kontra-Vorträge

Auf medizinischen Kongressen werden „Pro- und Kontra-Vorträge“ immer beliebter. Man möchte offensichtlich das Für und Wider durch gute Argumentationen verdeutlichen, so dass der Zuhörer die Stärken und Schwächen der einzelnen Positionen leichter erkennen und dadurch sicherer beurteilen kann. Einige Kongresse scheinen von vornherein in ihrer Grundstruktur so angelegt worden zu sein, dass sich Pro und Kontra oder Konventionell und Operativ gegenüberstehen.

 
Obgleich solche Konstellationen sehr beliebt sind, lässt sich der Sinn kritisch hinterfragen. Warum werden solche Vorträge gehalten? Sicherlich nicht nur deshalb, weil der Kongresspräsident sich mit dem Nimbus des kritisch konstruktiven Mediziners ausgestattet sehen möchte. Pro- und Kontra-Vorträge suggerieren, dass es tatsächlich etwas zu diskutieren gibt. Es scheint noch nicht entschieden zu sein, ob eines der Verfahren besser ist als ein anderes. Solche Vorträge werden immer dann als wertvoll erachtet, wenn noch keine ausreichenden und verlässlichen Daten vorliegen, um eine relativ sichere und eindeutige Entscheidung zugunsten eines Verfahrens treffen zu können. Würden solche Daten vorliegen, dann bräuchte man keine Pro- und Kontra-Vorträge. Eine faire, systematische und übersichtliche Darstellung wäre völlig ausreichend.
 
Also sollten wir unterstellen, dass solche Vorträge nur dann gehalten werden, wenn es keine guten Daten zu dem Thema gibt. Doch worüber reden die Vortragenden dann? Sie tragen die „schlechten“ Daten zusammen und interpretieren sie jeweils unter der subjektiven Perspektive des Dafür und Dagegen. Es handelt sich demnach mehr um eine rhetorische Übung, und wer gewinnt, hängt weniger von der Sache ab als vom rhetorischen Geschick des Vortragenden.
 
Für die ernsthafte Beantwortung wissenschaftlicher Fragen sollte eigentlich gelten: Entweder es gibt ausreichende Daten, dann entfällt die Konfrontation, oder die Daten erlauben ein hohes Maß an Interpretation und Spekulation, dann können Pro- und Kontra-Vorträge ganz amüsant sein. 
 
Kurios wird die Situation auf den medizinischen Kongressen aber dann, wenn jemand trotz guter und eindeutiger Daten dennoch Pro und Kontra diskutieren möchte. Nehmen wir an, dass die Daten hinreichend belegen, dass ein neues Verfahren A nicht besser ist als ein altes Verfahren B. Nehmen wir weiterhin an, dass der erste Vortragende alle relevanten Daten vorgetragen hat und damit schlüssig und nachvollziehbar gegen das neue Verfahren A argumentierte. Nehmen wir zusätzlich an, dass das neue Verfahren A sogar noch schwieriger oder teurer ist. – Sicherlich fallen jedem spontan einige Beispiele dazu ein. – Was bleiben dem Befürworter des neuen Verfahrens A an Argumenten oder rhetorischen Möglichkeiten? 
 
Eigentlich müsste er schweigen. Da für die Vorträge aber meistens diejenigen Redner eingeladen werden, die sich bereits im Vorfeld als begeisterte Befürworter ausgezeichnet haben, kämpfen die Betroffenen meistens verbissen auf dem verlorenen Terrain weiter. Sie begreifen nicht, dass sie ein totes Pferd reiten. Anstatt abzusteigen, geben sie dem Pferd kräftig die Sporen. Ihre Strategie ist: Ignoriere stur die verfügbaren Daten, verstoße gegen die Regeln rationaler Argumentation und poche auf deine unbezweifelbaren persönlichen Erfahrungen und Ergebnisse.
 
Interessanterweise finden solche begeistert vorgetragenen Argumente häufig mehr Gehör als die schlichte Rede schlüssiger Argumentationen. Eine emotionale Rede wirkt eben intensiver als eine formal korrekte Argumentation. Selbst „fragwürdige“ Argumente klingen dann plausibler als durch Daten gut fundierte Argumente. 
 
Und da viele Mediziner die aufwendige und zum Teil mühsame Analyse ernsthafter wissenschaftlicher Studien scheuen, erfreuen sie sich manchmal mehr am farbenprächtigen Schein als an der grauen Wirklichkeit. Und hier entfalten gute Pro- und Kontra- Vorträge ihre Anziehungskräfte: Man kann sich durch die gelungene Rhetorik in seiner Meinung bestätigt sehen und man hofft, dass die gegnerische Seite eine herbe Niederlage erleidet.