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Optimale Kongressorganisation

Alle bedeutenden Chirurgen müssen im Laufe ihres Lebens mindestens einen Kongress ausrichten, die besonders Bedeutenden sogar mehrere. Da sich viele für bedeutend halten, werden zwangsläufig viele Kongresse angeboten.

 
Weiß jemand, wie viele lokale, regionale, nationale oder internationale chirurgische Kongresse jährlich stattfinden? Wie viele Tage im Jahr sind wir kongressfrei? Und wer besucht überhaupt die Kongresse? Sind es die besonders Eifrigen oder die Faulen? Sind es die Wissbegierigen oder Diejenigen, die schon alles wissen? Sind es die Lehrenden oder die Lernenden? Welches Verhältnis besteht zwischen der Zahl der Vortragenden/Organisatoren und den (freiwilligen) Besuchern? Wir werden hier keine definitiven Antworten auf die Fragen versuchen, denn sie variieren in Abhängigkeit von der Art des Kongresses.
Es scheint indes einen gewissen Trend zu geben, der sich kontinuierlich von den lokalen zu den internationalen Kongressen fortsetzt, den jeder selbst beobachten kann: Es besteht eine enge (r=0,89), negative und signifikante (p <0,001) Korrelation zwischen dem Alter des Kongressbesuchers und seinem Interesse an sachlichen Informationen. Ausnahmen sind hier nicht die Regel. Diese Tatsache ist der Grund, warum es so herausfordernd sein kann, einen ausgewogenen Kongress zu gestalten, der alle Altersgruppen anzieht. 
 
Ein bewährtes Erfolgsrezept ist die Delegation der Verantwortung: Die verantwortlichen Präsidenten erscheinen als die gediegenen Herrschaften, die auf die konservativen Elemente achten. Sie überlassen wegen Zeitmangels glücklicherweise die praktische Durchführung den jüngeren Ärzten, die dann die innovativen Elemente einzubringen versuchen. So ist für jeden etwas dabei und der Kongress kann die verschiedenen Generationen und Interessen vereinigen. 
 
Außerdem gelingt so unbemerkt die Transformation von einem jungen wissbegierigen Wilden zu einem reifen Lehrenden. Viele besuchen über Jahre hinweg dieselben Kongresse ohne die eigene Veränderung zu reali- sieren. Nur einigen Wenigen fällt auf, dass sie dieselben Argumente gegen Innovationen vorbringen, die sie sich damals selbst anhören mussten – und die sie damals erfolgreich ignoriert haben. Bei den kleineren lokalen Kongressen ist die Programmgestaltung etwas schwieriger, weil die Besucherzahlen deutlich geringer sind. Hier ist es schon beachtenswert, wenn das Verhältnis zwischen den Referenten und Besuchern bei mehr als 1:2 beträgt. Meistens kennt man sich bereits seit Jahren untereinander und freut sich auf persönliche Gespräche.
 
Bei den puren wissenschaftlichen Veranstaltungen oder Symposien mit höherem Niveau ist man eher unter sich und erwartet kaum Besucher. Wozu auch? Die Wenigsten verstehen, was vorgetragen wird, oder verfügen über die Kompetenz, es konstruktiv zu diskutieren. Bei den mehr auf die Breite angelegten, größeren Kongressen wissen die erfahrenen Veranstalter bereits, was sie aufbieten müssen, um Besucher anzulocken. Auch hier wird nichts dem Zufall überlassen. 
 
Das moderne Marketing erfordert, dass die Übersichtsvorträge grundsätzlich nur von den Erfahrenen gehalten werden, die sich bereits seit Jahrzehnten bewährt haben. Meistens handelt es sich um jahrelange Kampfgefährten, die in bewährter Manier bekannte Weisheiten in hervorragender und geübter Rede vortragen. Diese Vorträge sind eine sichere Bank – rhetorisch geschult, seit Jahren auf vielen Veranstaltungen vorgetragen, sind sie wie ein guter Wein. Man benötigt eben die gewisse Erfahrung am Gaumen, um die kleinen Nuancen im Geschmack, den Tiefgang, den Abgang und die gelungene Komposition genießen zu können.