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Gute Operationsindikationen

In der chirurgischen Ausbildung haben wir gelernt, dass der Erfolg einer Operation von einer guten Indikationsstellung abhängt. Was ist damit gemeint? Sollten wir es so halten wie einige berühmte Ärzte in der Antike, die sich von aussichtslosen Fällen von vornherein abwandten und nur die gut heilbaren Patienten behandelten? Oder so, dass wir die relativ Gesunden selbst operieren und die problematischen und kostenintensiven Fälle an unsere kompetenteren „Freunde“ überweisen? Alle erfahrenen Chirurgen wissen, dass die präoperative Auswahl von größter Bedeutung ist, wenn man sich eine niedrige Komplikations- und Sterberate zum Ziel gesetzt hat. Mit einer guten Auswahl steuern wir die Komplikationsraten und verbessern unseren Ruf als gute Chirurgen. Bekannterweise lassen sich Gesunde am Besten operieren und sie überleben selbst schwere Komplikationen. Wer auf seine Komplikations- und Letalitätsstatistik achtet oder achten muss, der ist gut beraten, besonders sorgfältig über die Operationsindikationen zu wachen.

Wer ausschließlich erfolgs­orientiert denkt, der stellt die OP-Indikation bereits in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung

Wer dagegen über ein großes Selbstbewusstsein verfügt und wem die Komplikationen und die Letalität egal sind, der benötigt keine gute Indikationsstellung. Er wird voll auf seine Kosten kommen, wenn er alles operiert, was noch lebt, und die Geschäftsführung wird ihn besonders loben, weil er damit die Erlöse massiv steigert. Denn gerade die „schweren und aussichtslosen“ Fälle mit den hohen Erlöswerten füllen dauerhaft die Intensivstationen und beweisen zugleich die „große“ Chirurgie, die in der Klinik der Maximalversorgung bzw. „Maximalverwertung“ gepflegt wird. Allerdings zehrt es schon an den Nerven, wenn man über Wochen oder gar Monate hinweg immer dieselben Patienten auf der Intensivstation betreuen muss.

Wer ausschließlich erfolgsorientiert denkt, der stellt die Indikation bereits in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung – am Besten wenn der Patient gerade nicht mehr gesund ist. Damit garantiert er sich nicht nur eine hohe Erfolgsrate, sondern er erspart den Patienten viele mögliche Jahre an zunehmendem Leiden oder weiteren Schmerzen. Und wenn man die Patienten über diese Möglichkeiten der frühen Behandlung aufklärt – ohne auf die vielen, aber seltenen Nachteile hinzuweisen – dann werden sie auch immer freudig der Operation zustimmen. Diese gute Tat an den Patienten hat zudem den weiteren Vorteil, dass man damit die Behandlungsfälle massiv steigern kann. Würde man die Indikation erst im fortgeschrittenen Stadium stellen, dann würde man alle Fälle verlieren, die gar nicht bis dorthin fortschreiten. Das wäre nicht gut fürs Geschäft. Eine Gefahr stellt die „frühe“ Indikationsstellung aber doch dar: Der empfundene Unterschied zwischen dem nichtbehandelten Leiden und dem Zustand nach der Operation ist nicht sehr groß. Deshalb ist eine suggestive begleitende Gesprächstherapie immer notwendig.

Hier haben es diejenigen besser, die die fortgeschrittenen Fälle behandeln. Selbst wenn sie keine guten Erfolge vorweisen könnten oder können, weil die Ausgangssituation so schlecht ist, wären die Ergebnisse immer noch besser als das unbehandelte fortgeschrittene Leiden. Damit sind die Strategien für „gute“ und „schlechte“ Chirurgen hinreichend beschrieben, um im „Focus“ sicher abgebildet zu werden. „Gute“ Chirurgen operieren frühzeitig und haben viele Fälle. Damit stärken und schärfen sie ihren Ruf und werden immer besser. „Schlechte“ Chirurgen müssen sich mit weniger Fällen zufrieden geben und haben auch im Vergleich „schlechtere“ Ergebnisse. Was wiederum schädlich für die Reputation ist und somit den „schlechten“ Ruf bestätigt.