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Überholspur wegen Bauarbeiten geschlossen

Alle wollen Fasttracker sein. Fasttracker haben nachweislich bessere Ergebnisse, weil sie das perioperative Management optimieren. Fasttracker haben kürzere Verweildauern, weil die fitteren Patienten flinker aus den Betten huschen. Fasttracker können jedoch keine dementen Patienten, keine immobilen Patienten und keine kognitiv-reduzierten gebrauchen, weil sie auf Kooperation angewiesen sind.

Fasttracker benötigen ein ausgefeiltes Programm, an dem hochqualifizierte Mitarbeiter beteiligt sind, so dass jedes Zahnrad verlässlich in ein anderes Zahnrad greift. Wie in einem Werbefilm sehen wir Fasttrack bei kolorektalen Operationen vor uns: Nach optimierter Vorbereitung – selbstverständlich ohne Darmreinigung – und guter Ernährung wird durch einen erfahrenen Anästhesisten ein thorakaler Periduralkatheter gelegt, der perfekt funktioniert. Durch zielgerichtete Flüssigkeitstherapie geleitet, gelingt eine sanfte Narkose bei optimierter Herz-Kreislauffunktion. Nach einer blutarmen Operation, die natürlich nur von sehr erfahrenen Chirurgen durchgeführt wird, wacht der Patient schmerzfrei auf und bittet um eine Tasse Cappucino, die ihm im Aufwachraum gereicht wird, um den Stuhlgang anzuregen. Nachmittags erledigt der wache und kooperative Patient bereits mit seinem Physiotherapeuten die erste kleine Joggingrunde. Nach ungestörter und schmerzfreier Nachtruhe finden wir den Patienten am nächsten Morgen im Bademantel sitzend am Frühstückstisch: Er beschwert sich, weil das Ei zu hart gekocht wurde. Am Abend des ersten postoperativen Tages wird ein leicht verdauliches Mahl eingenommen. Nach zwei weiteren Tagen der Erholung geht der Patient beschwingt nach Hause.

So könnte es sein auf der Überholspur des Lebens, wenn da nicht die beschränkten Ressourcen der Realität wären, wenn wir in den Kliniken nicht mit reduziertem Personal arbeiten müssten, mit unerfahrenen Leasing-Kräften, die sich zum ersten Mal in einer Klinik befinden, oder mit überarbeiteten Pflegekräften, Physiotherapeuten und Ärzten. Wie weit sind wir von dieser heilen Welt der Fasttracker entfernt? Fasttracker befinden sich auf der Überholspur, dort wo sich Audi, BMW und Mercedes tummeln. Leider haben wir aber häufig nur einen geräumigen KIA Diesel und manche schauen deshalb sehnsüchtig auf die vorberauschenden Wagen der „Qualitätsmarken”. Allerdings dauert diese Wehmut nur kurz und wird rasch von einem anderen Gefühl überflügelt. Wir wissen nämlich, dass diese Energieverschwender zwar schneller fahren als wir – doch wenn sie an ihrem Ziel ankommen, dann ist dort niemand, der sie empfängt. Da niemand mit einer so frühen Rückkehr rechnet, sind die Angehörigen und weiter behandelnden Ärzte noch im Urlaub und man steht vor verschlossenen Türen. Wenn wir dagegen mit unserem behäbigen und energiesparenden Auto ankommen, dann ist alles angerichtet, dann ist es so, wie es sein sollte. Keine übereilte Hast, keine „blutige” Entlassung, keine Überraschungen oder Kosten für den Hausarzt, und viele aufmunternde Worte von den Angehörigen.

Wer sich nur einen kleinen KIA leisten kann, der ist gezwungen, vor elektiven kolorektalen Resektionen alle vorhandenen Ressourcen konsequent auszunutzen. Natürlich wird der Darm nicht vorbereitet und der Patient isst schön zu Hause. Er kommt auch erst am Operationstag ins Krankenhaus, wird schnell vorbereitet und ist schwupp im Operationssaal – vorher nichts zu tun, reduziert die Kosten ungemein. Und wozu 45 Minuten zur PDK-Anlage verschwenden, was der halben Operationsdauer entspricht? Rasch und perfekt operieren, ist das Ziel. Schmerzmittel haben wir genug und eine zu frühe Mobilisation führt nur zu Schwindel und Stürzen des Patienten, oder belastet das überarbeitete Pflegepersonal. Da ist es doch viel angenehmer, den Patienten nicht mit der frühen Mobilisation zu quälen und ihn für ein paar Tage mit einem Blasenkatheter ruhig im Bett ausschlafen zu lassen. Die Infusionen werden frühzeitig gestoppt und der Patient bekommt für die ersten fünf postoperativen Tage täglich zwei bis drei Liter gesüßten Tee ans Bett. Das ist preiswert und von den zwei Schwestern gerade noch zu beherrschen, die 34 chirurgische Patienten versorgen müssen. Und mal ganz im Ernst. Nach solchen großen Operationen ist es doch völlig normal, dass Patienten über Schmerzen klagen und sich im Bett erholen wollen. Und wenn der Kostaufbau erst nach vier bis fünf Tagen beginnt, ist das doch auch kein Beinbruch, weil die Patienten doch sowieso nicht vor dem achten postoperativen Tag nach Hause wollen.

Auch wenn es dem Fasttracker bei dieser Schilderung graut, ein KIA ist immer noch besser als bei Regen und Sturm auf dem Motorroller zu fahren. Wenn wir nämlich so weiter machen, dann sollten wir mit unserer Geschäftsführung nach Tansania oder Nepal fahren, um uns dort anzuschauen, wie Patienten nach Eingriffen mit minimalen medizinischen und pflegerischen Mitteln überleben.