A+ R A-

Das Gute

Das Gute ist der Bonus. Ein Bonus ist ein leistungsabhängiger Zuschlag auf das Arbeitsentgelt. Es ist eine Belohnung für gutes Arbeiten. Belohnen ist ein erfolgreiches Instrument, um Menschen oder Tiere zu konditionieren. Unsere gegenwärtige Kultur wäre kaum entstanden ohne positive Verstärkung bestimmter Verhaltensweisen. Jemanden für eine erfolgreiche Tätigkeit zu belohnen, ist ein etabliertes Verfahren, um eine erwünschte Tätigkeit zu bestärken. Die im Geschäftsleben üblichen Boni von Führungskräften sind als solche unproblematisch, solange nicht „unsinnige“ Verhaltensweisen belohnt werden. Wer einen Bonus für einen kurzfristigen Erfolg zahlt, der darf sich nicht wundern, wenn darin keine nachhaltigen mittel- oder langfristigen Konzepte berücksichtigt wurden. Man bekommt, wofür man bezahlt.

Die modernen Chefarztverträge oder die von leitenden Ärzten sind heutzutage häufig in ein Grundgehalt und einen variablen Bonus geteilt, der an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. Wenn ein leitender Arzt schlecht verhandelt hat, dann entspricht sein Grundgehalt nicht selten dem Einkommen seines Oberarztes und erst der zusätzliche große Bonus fungiert als eigentlicher Antrieb, leitend tätig zu werden. Die Geschäftsführungen der Krankenhäuser hoffen, mit dieser Strategie die leitenden Ärzte zu Höchstleistungen anzutreiben – man soll die Sachkosten senken, indem keine teuren Materialien verbraucht werden, und man soll die Personalkosten senken, indem man effektiver arbeitet. Zusätzlich müssen unbedingt die Erlöse gesteigert werden – wozu entweder die Fallzahlen oder Schweregrade erhöht werden müssen.

Da diese Anforderungen an alle leitenden Ärzte aller Krankenhäuser gestellt werden, müssen zwangsläufig mehr Kranke „geschaffen“ werden. Außerdem wäre es günstig, wenn diese auch noch schwer erkrankt wären oder schwer erkranken, um den Schweregrad zu erhöhen. Durch die zunehmende „Überalterung“ unserer Gesellschaft sind zugleich gute Gründe verfügbar, die höheren Fallzahlen und Schweregrade zu rechtfertigen. Es gibt heute kaum noch einen Rentner, der nicht mit notwendigen oder zumindest prophylaktischen Medikamenten vollgestopft wird und an dem man nicht irgendeinen invasiven Eingriff vornehmen könnte.>

Die Fallzahlen könnten zwar auch durch Teilung der Krankenhausaufenthalte gesteigert werden, aber dieser Effekt ist bereits ausgereizt. Jetzt muss die medizinische Kreativität greifen, die Ausweitung der Indikationen, die uns zu Spitzenreitern bei den Koronarangiographien oder bei den Implantationen von Kniegelenks­prothesen kürte. Hier zeigt sich der wahre Erfolg und die gesteigerten Erlöse klimpern in der Kasse. Was wiederum von den Versicherungen gerügt wird, weil sie die Leistungsausweitungen als ungerechtfertigt empfinden. Selbst einige Ärzte vermuten dahinter ein pures Gewinnstreben und die Sicherung des Bonus. Sie fordern deshalb öffentlich, dass ein Bonus nicht mehr an die Fallzahl einer Klinik gekoppelt werden sollte, um quasi einen „schlechten“ Bonus zu verhindern. Der „gute“ Bonus soll sich nach medizinischen Qualitätsparametern richten und auf die Einhaltung eines bestimmten Budgets. Natürlich spricht nichts gegen Letzteres.

Doch in welchem Wolken­kuckucksheim wohnen diejenigen, die heutzutage einen Chefarzt dazu nötigen wollen, seine Klinik nicht zu füllen. Unabhängig davon, ob er einen Bonus erhält, wenn er seine angestrebten Fallzahlen erreicht. Der Konkurrenzdruck ist in manchen Gebieten so hoch, dass ein kurzfristiges Nachlassen der Bemühungen zum Kollaps führen würde und die Klinik schließen müsste. Und dagegen wehren sich verständlicherweise nicht nur die Chefärzte, sondern das gesamte Personal. Bevor man sich also der einfachen Forderung verdingt, dass Chefärzte wieder „frei“ von ökonomischen Zwängen entscheiden können sollten, wäre eine kurze Besinnung hilfreich. Es geht nämlich nicht darum, dass der Chefarzt aufgefordert wird, seine Fallzahl zu erhöhen. Es geht darum, dass Operationsindikationen erfunden oder „gedehnt“ werden, weil es nicht genügende Kranke gibt, um die erforderlichen Fallzahlsteigerungen in allen Krankenhäusern zu erreichen. Das aber steht in keinem Chefarztvertrag und wird auch mit keiner Geschäftsführung abgesprochen. Die ökonomischen Zwänge werden als fadenscheinige Gründe verwendet, das ärztliche Gewissen zu beruhigen, wenn man gegen besseres medizinisches Wissen Patienten behandelt. Das Erfinden oder Erweitern von Operationsindikationen erscheint so eher als Ausdruck persönlicher Gier oder eines mangelnden Gewissens. Die Schuld generell auf Bonusregelungen zu schieben, ist zwar en vogue, aber nicht das Problem – es sei denn, der Anreiz ist so groß, dass es dem Charakter nicht gelingt, der Gier Einhalt zu gebieten.