A+ R A-

Einfluss der Arztdichte auf die Sterblichkeit in Berlin 2018

Im Rahmen des soziologischen Masterstudiums wurde der Einfluss der Arztdichte auf die Sterblichkeit der Berliner Bevölkerung analysiert.


     Wenn unter sozialer Ungleichheit bestimmte Art und Weisen von Begünstigungen verstanden werden, die gegen das fundamentale Gleichheitsprinzip verstoßen und die sich in Diskriminierungen zu Ungunsten einzelner Gruppen manifestieren, dann ist soziale Ungleichheit ein Phänomen, das in jeder gegenwärtigen Gesellschaft nachweisbar ist. Sie beruht auf einer asymmetrischen Machtverteilung, steuert den Zugang zu verfügbaren Gütern und schränkt dadurch insgesamt die Lebenschancen ein (Kreckel 2004, S. 17). Sie kann Minder- oder Mehrheiten betreffen und sich sowohl vertikal in Form von distinkten Klassen oder Schichten als auch horizontal in Form von Unterschieden im Alter, Geschlecht, Familienstand oder der Ethnie manifestieren (Schott 2011, S. 163). Personen werden bei sozialer Ungleichheit wichtige strategische Ressourcen entzogen, indem ihnen erforderliche oder erwünschte Güter oder gesellschaftliche Positionen vorenthalten werden.
     Zu den wichtigsten vertikalen Dimensionen sozialer Ungleichheit zählen Bildung, Wohlstand, Macht und Prestige (Hradil 2009, S. 36), die durch sehr vielfältige Faktoren operationalisiert wurden, um daraus kohärente Klassen- oder Schichtenmodelle zu entwickeln. Die Modelle wurden in der sogenannten Sozialepidemiologie dazu verwendet (Schott 2011, S. 160), einen Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und dem Gesundheitszustand der Individuen zu untersuchen.      Es kann als hinreichend gesichert gelten, dass eine gesundheitliche Ungleichheit besteht, weil die soziale Ungleichheit zu einer schlechteren Gesundheit mit konsekutiv kürzerer Lebenserwartung und höherer Sterblichkeit führt (Hradil 2009, S. 39ff.).


      Es ist zu vermuten, dass neben den sozioökonomischen Faktoren auch  die Arztdichte (Einwohnerzahl pro Arzt) einen Einfluss auf die Sterblichkeit und Lebenserwartung haben könnte, wenn unterstellt wird, dass die Konsultation von Ärzten vom möglichen Zugang abhängt (Klein und von dem Knesebeck, 2016, S. 238) und die ärztliche Behandlung tatsächlich den Gesundheitszustand so weit verbessert, dass die Sterblichkeit verzögert wird.
     Diese Annahme ist in der Bundesrepublik Deutschland schwierig zu überprüfen, weil sich Ärzte zur Versorgung gesetzlich versicherter Patienten nicht nach Belieben niederlassen können. Ein Arzt benötigt dafür eine besondere Kassenarztzulassung, die ihm aber von der kassenärztlichen Vereinigung nur zugesprochen wird, wenn in einem bestimmten Versorgungsgebiet ein Mangel an behandelnden Ärzten vorliegt. Die Kassenärztliche Vereinigung hat für jeden räumlichen Bereich festgelegt, wie viele Ärzte welcher Fachrichtung sich in dem Bereich niederlassen dürfen, um eine adäquate Versorgung der dort lebenden Bevölkerung zu gewährleisten. Aufgrund der Zulassungsbeschränkung ist bei der gegenwärtigen Sättigung an Ärzten eine weitgehende Homogenität der flächendeckenden Versorgung erreicht. Nur in dünn besiedelten Regionen besteht weiterhin ein geringer Arztmangel.


     Das Land Berlin, das in zwölf administrative Bezirke eingeteilt wurde, weist hierzu eine Besonderheit auf. Das Bundesland Berlin wurde von der Kassenärztlichen Vereinigung nicht in mehrere Bereiche aufgeteilt, sondern das gesamte Land wurde als ein Bereich gesetzt. Dadurch durften sich in Berlin alle Ärzte nach Belieben niederlassen, was zu einer Über- und Unterversorgung an Ärzten in einigen Bezirken führte. Aufgrund dieser Besonderheit ist es möglich, neben den sozioökonomischen Faktoren auch den Einfluss einer unterschiedlichen Arztdichte auf die Sterblichkeit in den Berliner Bezirken zu analysieren. In der vorliegenden Untersuchung soll deshalb überprüft werden, ob die Arztdichte sich auf die Sterblichkeit auswirkt und somit eine gesundheitliche Ungleichheit begünstigt. Sollte sich die Vermutung bestätigen, dann soll dieser Effekt mit den anderen verfügbaren sozioökonomischen Faktoren daraufhin analysiert werden, welche Faktoren den entscheidenden Einfluss auf die Sterblichkeit und Lebenserwartung ausüben.

     Der bereits bekannte Einfluss der sozioökonomischen Faktoren auf die gesundheitliche Ungleichheit konnte bestätigt werden. Ein geringer sozialer Status erhöht die allgemeine Sterblichkeit und Vorsterblichkeit und vermindert die Lebenserwartung in den Berliner Bezirken. Zusätzlich erwies sich die Arztdichte als äußerst relevante Einflussgröße auf die Sterblichkeit, Vorsterblichkeit und Lebenserwartung von Männern und Frauen.
Da die Ungleichverteilung der Ärzte im Land Berlin mit der gesundheitlichen Ungleichheit eng verknüpft ist, sollte diese Verteilung durch eine geeignetere Zuweisung der Kassenärztlichen Vereinigung beseitigt werden, um die gesundheitliche Ungleichheit abzuschwächen.

Aufgrund der nicht akzeptablen gesundheitlichen Ungleichheit habe ich die Analyse der Berliner Senatorin für Gesundheit und Soziales zur Kenntnis gebracht. Eine ausgewogene Verteilung der Ärzte sollte vom Berliner Senat angestrebt werden, um die ganze Bevölkerung mit den erforderlichen Ärzten zu versorgen.

Der vollständigeText mit den Ergebnissen und Abbildungen ist als PDF-Datei hier verfügbar.