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Bedeutung der Religion in Deutschland

Im Rahmen des Masterstudiums Soziologie analysierte ich die Bedeutung der Religion in Deutschland.

Einleitung

In der Religionssoziologie wird immer wieder die sich wandelnde Bedeutung der Religion für eine Gesellschaft thematisiert. Noch vor Jahrhunderten war im Okzident die Gesellschaftsordnung ausschließlich von christlichen Normen und Werten geprägt. Der zunehmende Verlust des Deutungsmonopols der christlichen Religionen sowie die zunehmende Individualisierung, die beide als Ausdruck der modernen Gesellschaft gelten, haben die Religion und die Moderne in ein Spannungsverhältnis versetzt. Dieses Spannungsverhältnis wird durch die Säkularisierungstheorie artikuliert, die in ihrem Kernbestand zwei Thesen aufstellt (Pollack 2017, S. 25f.): Es wird behauptet, dass die Bedeutung der christlichen Religion in modernen Gesellschaften immer schwächer wird und dass der Rückgang der Bedeutung durch die Modernisierung bedingt ist. Die Säkularisierungstheorie stellt demnach eine enge kausale Beziehung zwischen Modernisierung und Säkularisierung her. Als die dafür verantwortlichen Prozesse werden die zunehmende soziale Differenzierung, die Vergesellschaftung und Rationalisierung angesehen (Pollack 2018, S. 310), wobei diese sowohl zu einem religiösen Pluralismus als auch zu einem egalitären Individualismus führen können.
Fraglich ist, ob sich die Bedeutung der etablierten Religionen in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten zehn Jahren geändert hat. In den letzten Jahrzehnten wurde bereits ein Trend  zu einem Bedeutungsverlust nachgewiesen, wobei sich dieser Trend zwischen den neuen Bundesländern und den alten Bundesländern sowie zwischen den Konfessionen in den alten Bundesländern derartig unterscheiden, dass einige von einer Dreiteilung sprechen (Müller et al. 2013, S. 131ff.).
In der Studie soll überprüft werden, ob der persönliche Glaube an Gott, die Selbsteinschätzung der Religiosität sowie die Häufigkeit des Betens, der Kirchenbesuche und der kirchlichen Aktivitäten innerhalb von 10 Jahren abgenommen haben, wie es die Säkularisierungstheorie nahelegt.

Zusammenfassungg und Schlussfolgerung

Der Glaube an Gott, die selbsteingeschätzte Religiosität, die Häufigkeit des Betens, des Kirchgangs und der sonstigen kirchlichen Aktivitäten haben in der ALLBUS/ISSP-Umfrage von 2018 im Vergleich zu 2008 in den alten Bundesländern eindeutig abgenommen. Der Anteil der nicht-religiösen hat damit zugenommen.  Alter, Geschlecht, Geburtsort, Familienstand, Schulabschluss und Inglehart-Index sind mit der Abnahme der Bedeutung der Religion in den alten Bundesländern assoziiert.
Die Säkularisierungstheorie in ihrer christo-zentrischen Lesart konnte als Tendenzaussage nur für die alten Bundesländer bestätigt werden, denn die Bedeutung der christlichen Religion ist hier nach allen ausgewerteten Zielkriterien rückläufig. In den neuen Bundesländern ist die Säkularisierung bereits sehr stark fortgeschrittenen, denn der Anteil der Konfessionslosen beträgt ungefähr drei Viertel der Bevölkerung. Eine weitere Zunahme der Säkularisierung konnte nicht bestätigt werden.
Die Säkularisierungstheorie ist eine weiterhin fruchtbar anwendbare Theorie, wenn ihre einschränkenden Rahmenbedingungen beachtet werden. Ob der explanatorische Anspruch einlösbar ist, bleibt aber fraglich.

 

Der Text ist als PDF-Datei hier verfügbar.